100 Jahre Millet

    Eine Familiengeschichte und die Geschichte der Berge – erst waren es Stofftaschen für das familieneigene Lebensmittelgeschäft, dann fand ein Millet-gefertigter Rucksack den Weg in den Himalaya und plötzlich drehte sich bei Millet alles um die Berge und Expeditionen. Ein Jahrhundert Bergsport hat die im französischen Annecy gegründete und ansässige Marke aktiv begleitet und Amateure sowie Profis ausgerüstet. Hier kommt eine Geschichte über Leinentücher, Berge und einen gelben Rucksack, eine Familiengeschichte. Eine Geschichte auf die es sich lohnt, zurückzublicken.
    Raymond und René Millet

    Louis Lachenal und Walter Bonatti - die ersten Bergsteigerrucksäcke entstehen

    Millet entstand fernab der Berge – und hatte mit Sport erstmal genau gar nichts zu tun. 1921 fertigten Marc und Hermance Millet Proviant- und Einkaufsbeutel für die Kunden ihres Lebensmittelgeschäfts bei Lyon. Marcs schwache Gesundheit führte die beiden nach Annecy und damit in unmittelbare Nähe der Berge. Er starb 1937 und Hermance übernahm die Geschäfte. 1945 übertrug sie diese ihren Söhnen René und Raymond.

    „Es war meine Großmutter, die am Weitermachen der beiden Brüder festhielt. Sie hatten nicht studiert, Hermance fehlten die Mittel, sie mussten arbeiten. Die Marke Millet war ihrer aller Leben“, erzählt Françoise Millet, Renés Tochter. „Mein Onkel Raymond kümmerte sich um das Kaufmännische, René, mein Vater, war der Techniker.“ Bergsteiger Louis Lachenal beriet sie bei der Konzeption der ersten Bergsteigerrucksäcke. Einen davon sollte er 1950 auf den Gipfel der Annapurna tragen, bei der erfolgreichen französischen Expedition zu deren Erstbesteigung. Es war derzeit der erste erfolgreich bestiegene Achttausender überhaupt.

    Während der Annapurna-Erstbesteigung.

    Ein Riesen-Erfolg für die Marke Millet! Staralpinisten, ruhmreiche Expeditionen und technische Innovationen folgten. Die Bergsteigergrößen der 1950er und 1960er Jahre arbeiteten mit den Millet-Brüdern in deren Werkstätte in Annecy zusammen: zuerst René Desmaison (der 1956 den ersten Klettergurt erfand), später Walter Bonatti. Im damaligen Katalog gab es: „Bergsteiger- Rucksäcke“, „Sporttaschen für Mannschaftssportarten“, „Schutzhüllen“ und eine „Camping-Kühlkiste“. Ein kleines Sortiment, welches sich ein Jahrzehnt später bereits ordentlich erweitert hatte. Wie auch aus einer ganzseitigen Werbeannonce hervorgeht: „Bergsteigerrucksack mit abnehmbaren Taschen, Gamaschen, Rucksack für Frühjahrsskilauf oder Skiwanderungen, Ski- und Skistockhülle, Klettergurt, gebogene Skitasche, Babytrage für Spaziergänge, Biwak- und Kletterrucksack“. Es gab sogar ein Modell mit Brustgurt, welches speziell für Sherpas entwickelt wurde.

    Millet war ihr Leben

    Die 1950er Jahre sind Aufstiegsjahre für Millet wie auch für die beiden anderen vor Ort ansässigen Marken, Salomon und Fusalp. 1956 schrieb ein Journalist der Zeitung Dauphiné Libéré, bei Millet entspreche „die Vorsicht in finanziellen Dingen, dem Wagemut bei der Verbesserung von Verarbeitung und Qualität. Dazu muss man sagen, dass es die großen Stückzahlen bei den Rucksäcken nicht gab. Es handelte sich nur um kleine Serien, mit allerdings ausreichend großen Stückzahlen, um etwa dreißig Mitarbeiter zu beschäftigen. Wir reden also über eine Betriebsform zwischen Handwerk und Industrie.“ Aber in erster Linie war es ein Familienbetrieb: „In den Ferien haben mein Bruder, drei meiner Cousins und ich in der Herstellung und im Vertrieb gearbeitet. Wir haben den ganzen Tag Löcher gestanzt. Die Lohnzettel habe ich noch!“, erinnert sich Françoise.

    1950, in der Näherei.

    Es gab auch Rückschläge

    1962 beispielsweise, ereignete sich ein Liftunfall bei L´Étale, bei dem die Gondel abstürzte, in der sich auch die Familie Millet befand. Sie kamen ins Krankenhaus und nur wenige Tage später stürzte auch noch das Dach des Betriebes ein. Dennoch wurde die Produktion fortgesetzt. „Nachdem das Dach eingestürzt war, haben wir in der Küche der Wohnung Nähmaschinen aufgestellt, da die Millet-Familien direkt oberhalb des Betriebs wohnten. So konnten wir weiterarbeiten, als sie im Krankenhaus waren“, berichtet Marcel Brion, der 1953 probeweise eingestellt wurde und als Produktionsleiter bis 1984 tätig war.

    Millet - vor allem ein Familienbetrieb

    Der Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit in den 1960er Jahren war auch bei Millet spürbar. Die Menschen waren unternehmungslustig und Freizeitbeschäftigungen nahmen rasant zu. Man ging wandern & campen, die Berge lockten neben Bergsteigern auch Erholungssuchende an. Ein Trend, den sich die Rucksackmarke aus Annecy nicht entgehen ließ, wie Marcel Brion berichtet. „Wir produzierten ganzjährig. Der größte Kunde war Au Vieux Campeur. Manchmal riefen sie an und bestellten 200 Rucksäcke für übermorgen!“ Françoise Millet hat lebhafte Erinnerungen an die Zeit: „Ich sehe es noch vor mir, wie die Stoffbahnen zugeschnitten wurden und in der Endbearbeitung die Schnallen angebracht wurden … Die Näherinnen, die Riemchen angebracht hatten, das gelochte Leder, der Versand, für den wir die Rucksäcke immer versetzt übereinander mit einem Seidenpapier dazwischen einpackt hatten … Ich habe noch meine Großmutter Hermance Millet mit ihrem Buchführungsheft vor Augen …“

    „Sensationell!“ Die ersten Nylon-Rucksäcke wurden entwickelt.

    Neuartige Materialien läuteten die Ära des modernen Rucksacks ein. „Vom groben, schweren Leinentuch, das fest und unverwüstlich war und teilweise mit Leder oder Filz verstärkt wurde, gingen wir zu Nylon über“, erinnert sich Françoise. In der Tat begann die Revolution mit schaumgepolsterten, nahtlosen Nylon-Schulterträgern. Eine Werbung damals betitelte es folgendermaßen: „Sensationell, der neue Minyl-Schultergurt!“.

    Der Sherpa 50.

    Nylon brachte die Veränderung bei den Rucksäcken. Bestes Beispiel: das berühmte gelbe Modell mit der dreieckigen Flagge aus dem Jahr 1964 – der Sherpa 50. Ein Rucksack mit Symbolcharakter, „den Raymond nicht wollte, weil er meinte, die Farbe würde sich nicht verkaufen“, wie Françoise noch weiß. Diesen Rucksack mit den abnehmbaren Taschen (ein Patent des Hauses) sah man sowohl auf dem Rücken der Bauern in La Clusaz, die die Seitentaschen zum Verstauen ihrer Rotweinflaschen verwendeten, genauso wie bei Reinhold Messner, der 1978 als Erster den Mount Everest ohne künstlichen Sauerstoff bestieg. Millet setzte seinerseits den Aufstieg fort und ging 1977 dazu über, Bekleidung zu produzieren, nämlich den ersten Parka mit Gore-Tex®. Diese Jacke namens Colorado bestand aus Baumwolle mit Daunenfüllung. Weiters gab es noch das Modell „Blizzard und Glacier“, ein Bergoverall, wie in einem Artikel Ende der 1970er Jahre nachzulesen ist.

    Reinhold Messner

    Es lief bei Millet, es lief so richtig! 

    Aber die Zeit „des starken Wachstums zwischen 1970 und 1980 geht zur Neige“, so Marcel Brion. Im Alter von 60 Jahren verkaufte René die Firma Millet. Er wollte die Berge genießen und auch wandern gehen, seit jeher seine große Leidenschaft. Sein Bruder verließ das Unternehmen ein Jahr später. Dann begannen die Schwierigkeiten, wirtschaftliche Probleme kamen auf, als neue Aktionäre in das Unternehmen eintraten. „Warum Millet abgestürzt ist“ lautete die Überschrift eines im Oktober 1989 in einer Wirtschaftszeitschrift erschienen Beitrags. 1995 schließlich, wurde die Marke von Lafuma übernommen. Trotz all der Schwierigkeiten begleitete Millet die Bergsteiger Profit und Escoffier bei ihrer Nordwand-Trilogie, Jean- Christophe Lafaille und Edlinger wurden ebenfalls bei ihren unterschiedlichen Bergprojekten unterstützt.

    René, der 2007 starb, verlor die Produktentwicklung nie ganz aus den Augen. Im Gegenteil. Er interessierte sich für die neuen Modelle und testete die Neuheiten, die Françoise ihm vorbeibrachte. „Ach, die Nähte machen sie jetzt so …“ kommentierte er prüfend. „Er wusste wie es geht“, erinnerte sich Françoise, die von 2002 bis 2013 für Millet arbeitete. Es war die Marke, die zwei Generationen zuvor von ihrer Großmutter gegründet wurde.

    Rene Desmaison

    Im Jahr 2002 holte Millet unter der Führung von Frédéric Ducruet die Marken Eider und Oxbow mit in die Firma und 2013 übernahm der Schweizer Konzern Calida die Millet Mountain Group. Als Partner vierer symbolträchtiger Bergführervereinigungen (Hakuba in Japan, Grindelwald in der Schweiz, Cervinia in Italien und Chamonix in Frankreich) geht Millet weiterhin innovative Wege für alle Bergsportenthusiasten. 2021 jährt sich die Marke nun zum hundertsten Mal und die Familie kehrt zurück: Romain Millet, Renés Enkel übernimmt seinerseits die Geschäftsführung.

    Die Titelseite des Katalogs von 2001 bringt es auf den Punkt und zeigt mit einem gemeinsamen Foto von René Desmaison und Marco Siffredi zwei durch dieselben Berge und dieselbe Ausrüstung miteinander verbundene Generationen: „Technologie wird stärker, aber der Geist ist unerschütterlich.“

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