30 Jahre Dynafit Skitourenbindung: Erfunden aus Faulheit

Fritz Barthel war 22 Jahre alt, als er mit einem Freund schnell mal auf den Mont Blanc wollte. Klingt nicht nach einem faulen Typ, aber Fritz meint, er habe in dem Moment aus der Faulheit heraus („So schwer wollte ich nie wieder tragen“) die Motivation gefunden, eine neue Tourenbindung zu entwickeln. Das hat der gelernte Maschinenbauer aus Kufstein dann auch – und wie! Seine PIN-Konstruktion ohne Rahmen wurde von Dynafit produziert und revolutionierte den Skitourenmarkt. Dynafit hat Fritz zum Jubiläum in einem kleinen, sehr unterhaltsamen Film porträtiert. Wir haben mit Fritz über den Urknall geplauscht.

Fritz, bist Du auch heute noch ein fauler Mensch, der nur mit dem leichtesten Material am Berg unterwegs ist?
Naja, das mit dem „Faul-Sein“ ist schon ein bisschen kokett, muss ich zu meiner Verteidigung sagen. Für die Umsetzung einer Idee braucht´s dann schon noch ganz schön viel Einsatz und auch Frustrationstoleranz. Aber ehrlich: Am Berg würde mir am meisten helfen, wenn ich weniger „Hüftgold“ zu tragen hätte. Das hat in den letzten Jahren etwas aufgetragen. Da wäre schon was zu holen. Also Rennanzug ziehe ich keinen an, das wäre eine ästhetische Zumutung.
Also nicht hauteng und hauchdünn am Körper, aber zumindest mit leichter Bindung am Fuß. Immerhin hast Du das PIN-System erfunden. Wie kam Dir die Idee, die Platte wegzulassen?
Es war so, dass wenige Jahre zuvor die ersten Plastik-Tourenskischuhe auf den Markt kamen. Ich hatte auch so einen, den Koflach Valluga. Der war um vieles stabiler als meine Lederschuhe, die zwar Schnallen hatten, aber doch vergleichsweise sehr weich waren. Da war es schon naheliegend, den Schuh selbst als Teil der Bindung zu sehen.
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Die ersten Versuche und Tests, 1983.[/caption]
Aber wieso hast Du das System nicht nach Dir getauft? Das Fritz-System oder die Barthel-Bindung wären heute weltberühmt...
Nana, das passt schon. Ich würde mich echt nicht wohl fühlen, wenn das Zeug meinen Namen hätte. Außerdem hatte ich meinen Spaß, mir irgendwelche Namen auszudenken, Primitiva 2000 oder Tortour zum Beispiel. Als kleines ironisches Statement, das die Sache aber sehr gut charakterisiert, ist dann Low-Tech übriggeblieben.
Low Tech – Du bist ein Mann des Understatements. Gibt es denn dieses schöne Stirnband noch, das man im Film sieht?
Ja, das gibt´s noch. Eigentlich hatte ich es schon fast vergessen. Auf der Suche nach alten Prototypen kam mir am Dachboden dann aber doch eine Tasche unter, in die ich die damaligen (eher voglwüiden) Sachen gesteckt hatte.
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Fritz mit dem Accessoire des Jahrhunderts.[/caption]
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So ging Werbung 1986![/caption]
Wie kam es dann zu der Zusammenarbeit mit Dynafit?
Anfang bis Mitte der 80er war ich in Graz. Studium oder so... Dynafit war eine Grazer Firma, die hauptsächlich Pistenskischuhe machte (Franz Klammer!), aber so nebenbei auch den damals leichtesten Tourenschuh entwickelt hatte. Da war es recht günstig, mit dem Radl quer durch die Stadt zu fahren und bei denen um ein paar Skischuhschalen zum Rumbasteln zu schnorren.
Du warst also erst mal der große Schnorrer, nicht der große Erfinder?
Ja, man zeigte weniger Verständnis, eher Mitleid und hat mir dann doch immer wieder irgendwelche Ausschussteile gegeben. Nachdem ja keine Bindungsfirma Interesse gezeigt hatte, entschloss ich mich, mit väterlicher Unterstützung, die Bindung dann sozusagen „small-scale“ selber zu fertigen. Die Schuhe dazu kaufte ich eben von Dynafit. Seit ca. 1990 hat Dynafit jetzt die Lizenzrechte.
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Die "Binding Gang" war dafür berüchtigt, dass sie in österreichischen Gewölben verschwand und dort wegweisende Erfindungen zutage förderte.[/caption]
Was treibst Du heute? Ruhst Du Dich auf dem vielen Geld aus, das Du sicherlich verdient hast?
Yes, what else! Just kidding, über viele Jahre sagte meine Frau, dass es wohl billiger wäre, wenn ich nichts täte. Fein beobachtet! Also, die Durststrecke war schon ziemlich lang. Jetzt, wo das Tourengehen und Tiefschneefahren so einen Aufschwung genommen haben und wieder so viel Emotion im Skifahren steckt – und die Leute von Dynafit sind daran maßgeblich beteiligt – kommt mir das auch zugute. Auf eine ähnliche Frage hat Loriot einmal geantwortet: Wem geht´s nicht gerne gut?!
Macht es Dir als Tüftler Spaß zu sehen, wohin die Entwicklungen gehen? Und was kommt Deiner Meinung nach da noch alles (im Skitourenmarkt)?
Die nächsten Jahre werden sicher noch spannend. Alle möglichen Konzepte werden vorgestellt werden. Es gibt jetzt schon supersuper leichte Rennbindungen, eher „normale“ Tourenbindungen und spezielle Freeride Bindungen, in allen diesen Segmenten werden neue Sachen kommen. Dass sich das „Frameless-Konzept“ einmal so verbreiten wird, hätte ich nie für möglich gehalten. Ich habe immer gesagt, die „Low-Tech“ ist was für die extremen Spinner – aber dass es so viele davon gibt?
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Damit ging´s los. Die erste rahmenlose Tourenbindung, 1984.[/caption]
Wird Dir noch einmal eine grandiose Innovation einfallen – können wir uns Hoffnungen machen?
Eine Idee im Leben ist schon ziemlich mickrig, muss ich zugeben. Ich warte auf die Zweite. Bisher vergebens. Oder sagen wir so: Das viele Geld, von dem vorher die Rede war, fließt auch in die Suche nach der zweiten Idee, da gibt´s schon das eine oder andere, aber präsentabel ist da noch nichts. Schaumamoi.
Cartoonist Georg Sojer hatte Dynafit natürlich auch mehr als einmal in seinen Werken im Einsatz:
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