Ami und die Steinböcke, Teil 1

Tobias ist Mitarbeiter bei uns im Sporthaus Schuster und wie viele der Kollegen gerne outdoor unterwegs, am liebsten mit seiner Tochter Amelie (Ami).  

Meine Tochter heißt eigentlich Amelie. Als sie jedoch, vor gefühlt Jahrzehnten, ihre ersten Sprachversuche machte brachte sie nur „Ami“ hervor. Seitdem wird sie bei uns eben oft so genannt. Ami ist das jüngste von drei Geschwistern, inzwischen 12 Jahre alt und, im Gegensatz zu den beiden Großen, (noch) sehr bergbegeistert. Dies nutzte ich, ebenfalls sehr bergbegeistert, schamlos aus und nehme sie, wann auch immer möglich mit.

Neben Tages- oder Zweitagestouren und dem einen oder anderen Tag in der Kletterhalle schwebte uns schon seit langem eine Fernwanderung vor. Jedoch keine der üblichen, sondern unsere eigene Idee, unser eigenes Projekt.

Nach ausgiebigem Grübeln und der Diskussion über die Rahmenbedingungen wurde uns klar, dass zumindest Start- und Endpunkt für uns naheliegend waren. Von Tutzing am Starnberger See, hier steht mein Elternhaus und hier ist Ami zuhause, sollte es nach Bad Gastein, im Bundesland Salzburg, hier liegt mein Großvater begraben, gehen.
Die einzelnen Etappen wollten wir jeweils im Vorfeld erarbeiten und planen und dabei gleich ein wenig den Umgang mit Karte, Kompass und Höhenmesser schulen…
Unser Weg begann also am Starnberger See und folgte für die erste Etappe dessen Ufer nach Seeshaupt. Unser kürzestes Teilstück zum Start, nahezu ohne Höhenmeter und sozusagen zum „Einlaufen“. ‚Unser erreichtes Ziel ist der Startort der nächsten Etappe‘ lautet eines unserer Mantras.
Und so ging es zum nächsten Termin weiter in Seeshaupt. Und auch wenn dieses Tagespensum ebenfalls noch ohne Bergberührung war, so war sie doch – insbesondere mit den Osterseen und auch dem Moorerlebnispfad kurz vor Benediktbeuern – schon gespickt mit landschaftlichen Höhepunkten.


In der Nacht hatte Ami noch eine Begegnung der dritten Art  

Folgen sollte nun, allerdings leider nach einer größeren Pause, in der Ami schon gewaltig mit den Hufen scharrte, ein erstes alpines Highlight unserer Unternehmung. Das kann ich glaube ich, obgleich wir doch noch weit von unserem Ziel entferne sind, heute schon sagen.
„Ehrlich, Papa, wir schauen uns auf der Benewand den Sonnenuntergang an?“ fragte mich Ami nicht nur einmal. Und nachdem sie wusste, dass es für den Notfall auch eine kleine, wenn auch wacklige, Biwakschachtel gab, konnte auch das alte „Gewittertrauma“ aus dem Karwendel, trotz aufziehender Wolken die Vorfreude nicht im geringsten einschränken. Geplant, Gesagt, getan. Wir brachen also, nach Anfahrt mit dem Zug, in Benediktbeuern auf und stiegen über das Lainbachtal und die Tutzinger Hütte über den westlichen Rücken der Benewand aufs Haupt. Dort erlebten wir, nachdem wir unser Lager vorbereitet hatten, einen grandiosen Sonnenuntergang. Der Abstieg bei Dunkelheit war uns dann doch zu kitzlig, also beschlossen wir, die Notfallausrüstung auszupacken und die Nacht oben zu verbringen. In der Nacht hatte Ami noch eine Begegnung der „dritten Art“.

Am Morgen berichtete sie mir nämlich, sie sei in der Nacht von etwas geweckt worden. Anfangs habe sie angenommen, ich sei auf dem „nächtlichen Weg hinter die Büsche“. „Doch als ich Dein Schnarchen noch gehört habe wusste ich es ist etwas anderes. Und es hat an mir geschnüffelt…“ Ami konnte, immer noch teils erschrocken, teils erstaunt, teils beglückt, erzählen, dass sie in der Nacht Besuch von einem Steinbock hatte, der wohl mal nachsehen wollte wer hier so ungewohnt nächtigt…
Einem warmen, goldenen Sonnenaufgang, zu dem ich Ami früh aus den Federn geholt hatte, folgte dann, nach einem kleinen Frühstück, die erneute Begegnung mit dem Steinwild. Nun im Hellen, auf Du und Du und nicht „nur“ mit einem Exemplar. Die Tiere hatten sich in der frühen Morgensonne auf einer Kuppe niedergelassen und waren sich wohl sehr sicher, dass ihnen von uns keine Gefahr droht. Und so führte uns unser Weg – wir bekamen die Münder fast nicht mehr zu – direkt zwischen den imposanten Tieren hindurch.


Erst einmal haben wir lange kaum miteinander gesprochen, jeder war wohl noch so begeistert und in Gedanken, während wir uns weiter in Richtung Brauneck bewegten. Dort erlebten wir noch zwei Motive, die unsere Blicke einfingen. Eine Heerschar an Paraglidern und Drachenfliegern – die Ami sofort zu der Aussage „das will ich auch mal machen!“ bewegten – und ein klarer Blick auf ein paar schnee- und eisbedeckte Gipfel des Alpenhauptkammes, welche wir ja hoffentlich noch viel, viel näher sehen würden. Den Weg nach Lenggries legten wir nicht mit der Gondel zurück, sondern liefen brav „auf Schusters Rappen“, denn eine weitere Regel, die wir uns auferlegt hatten war „only by fair means“. Ein Erlebnis wie es schöner nicht hätte sein können und das noch so viele traumhafte Momente bereit hielt, die ich hier gar nicht wieder geben kann. 

Eines jedoch: ich bin fest davon überzeugt, dass uns die Steinböcke seit dem begleiten…

In Kürze geht’s weiter mit Teil 2.

Text und Bilder: Tobias Gniwotta | Tobias ist Mitarbeiter bei uns im Sporthaus Schuster und wie viele der Kollegen am liebsten outdoor unterwegs, am liebsten mit seiner Tochter Amelie (Ami).