Ami und die Steinböcke, Teil 2


Tobias ist Mitarbeiter bei uns im Sporthaus Schuster und wie viele der Kollegen gerne draußen unterwegs, am liebsten mit seiner Tochter Amelie (Ami). Die beiden haben sich in Eigenregie eine Tour von Tutzing nach Bad Gastein zusammengestellt. In Teil 1 sind sie von Tutzing bis nach Lenggries gekommen, jetzt wird es Zeit für die nächste Etappe…

Ab Lenggries ging es dann weiter, in der letzten Woche der Sommerferien. Wir hatten uns eine fünftägige Etappe vorgenommen, die nur durch unsere Lust und durch das notwendige zeitliche Ende – den Geburtstag von Amis großer Schwester – begrenzt sein sollte. Als grobe Tourenplanung war uns lediglich klar, dass wir uns östlich des Achensees in Richtung Inn- und dann Zillertal bewegen wollten.

So ging es dann, trotz bescheidener Wettervorhersage, los und unsere Tour führte uns in zwei mehr oder minder verregneten Tagen über die Tegernseer Hütte und am nächsten Tag über Königsalm und Blaubergalm zur Gufferthütte. Dies waren besondere Tage, denn auch wenn die weiteren Etappen unserer Reise nicht gerade überlaufen waren, so waren doch diese zwei einsam, von unglaublichen Wolken- und Nebelgebilden bestimmt und, das ohnehin schon meditative Fortbewegen im stetigen, selbst bestimmten Tempo wurde noch begleitet vom rhythmischen Pochen der Regentropfen auf unseren Kapuzen. Hin und wieder das „Pfeifen“ einer unsichtbaren Gams neben uns und dann wieder der Schemen eines rundgefressenen Mankei (Murmeltier), das sich vor uns trollt.

Und was gibt es Schöneres als nach einem langen, kalten und nassen Tag die Sachen abzustreifen, in den Trockenraum oder über den Ofen zu verbannen, das Lager herzurichten und dann in die eigens eingeheizte Stube einzukehren. So willkommen und geborgen haben wir uns gefühlt.

Und dann das Abendessen nach getaner Arbeit. Schmeckt nicht jeder Apfel, jedes Stück Käse auf dem Weg schon viel, viel, so unglaublich viel besser? Dieses Gefühl setzte sich auch bei der Institution „gemeinsames abendliches Spezi“ und bei Kasspatzen und Spaghetti fort. Danach folgten wunderbare Gespräche, Karten- und Würfelspiele Tourenplanung für den nächsten Tag und schließlich der wohlverdiente tiefe Schlaf…

Das Wetter meinte es wieder gut mit uns und pünktlich zum Beginn des dritten Tages wurde es traumhaft schön. Von der Gufferthütte in Richtung Inn- und Zillertal ist erst mal keine weitere Hütte in Sicht. Zumindest nicht in direkter Umgebung. Und so schlugen wir unseren morgendlichen Weg aus dem Frühnebel heraus erst einmal Richtung Guffert ein, den wir umrunden wollten um nach Steinberg zu gelangen. Hier sollte die Entscheidung fallen ob wir uns ein Zimmer im Ort nehmen, oder ob wir doch noch weiter, Richtung Bayreuther Hütte wandern sollten.

Nachdem den ganzen Morgen, fast bis nach Steinberg, immer wieder Gämsen unseren Weg begleitet hatten kamen wir, vermeintlich ohne Kraftverlust dort an und entschieden, nach gemeinsamem Kartenstudium, den Weg noch eine Zeit lang fortzusetzen. Umkehren war bis zur endgültigen Entscheidung im Schauertal ja noch möglich. Wir haben uns jedoch dagegen entschieden und wieder war ich ungläubig und verwundert darüber, wie ein 12jähriges Mädchen, meine Tochter, mit einem Rucksack für fünf Tage Tour auf den Schultern ihren Vater, einen meine ich doch nicht allzu alten Herren von 41 Jahren, ein gewaltiges Stück älter ausschauen lassen kann. Bis auf einen kleinen Durchhänger kurz vor dem Ziereiner See bestimmte Ami das Tempo, war jeweils dafür den Weg fortzusetzen und freute sich auch nach fast 11 Stunden auf den Beinen schon wieder auf den nächsten Tag als wir bei der Bayreuther Hütte ankamen.

Aus Einsamkeit wurde bei Querung des Inntales erst einmal Betriebsamkeit und tatsächlich war sogar Vorsicht geboten, als wir den Inn auf schmalem Fußweg – direkt neben der Straße – überschreiten mussten. Ruhe kehrte dann jedoch nach dem Mittagessen wieder ein, als wir an der Wallfahrtskirche Maria Brettfall vorbei über den Talboden aufstiegen. Bald stellten wir fest, dass das – vom Hüttenwirt der Bayreuther Hütte vorgeschlagene – anvisierte Etappenziel, die Kellerjochhütte, nach dem vergangenen Tag nicht sein „musste“. Wir wollten ja Spaß und Kraft nicht verlieren. Und so blieben wir den Abend und die Nacht über, herrlich umsorgt, auf einer kleinen Jausenstation am Baumannswiesköpfl. Die Kellerjochhütte und das Kuhmesser waren dann für den nächsten Tag unsere Zwischenstationen auf dem Weg zum Etappenziel in Hochfügen.

Wir freuen uns auf den abschließenden dritten Teil!

Text und Fotos: Tobias Gniwotta