Bear against Boswell

Mountain Equipment Pro Partner Nick Bullock und Kletterpartner Greg Boswell zählen zu den besten Winter-Kletterern Schottlands. Definitiv zwei Typen die einiges gewöhnt sind, die mit Kälte, Schmerzen und Angst umgehen können. Ende 2015 haben die beiden Großes vor, sie reisen in die kanadischen Rockies. Ihr Ziel: „Dirty Love“, eine 500m lange, harte Mixed Route am Mt. Wilson. Dass die Unternehmung kein Spaziergang wird ist klar, aber mit einem haben sie nicht gerechnet – mit dem riesigen Grizzly, der mitten in der Wand auf sie wartet.



Jon Walsh und Raphael Slawinski kletterten „Dirty Love“ erstmals 2008 und bewerteten die Route mit M7. Sie brauchten 23 Stunden vom Parkplatz zum Gipfel des Mt. Wilson und weitere 8 Stunden für den Abstieg. Eine Besonderheit liegt im enorm technischen Zustieg, der schon einige Mixed Seillängen zur Einstimmung bereithält. Im Klartext: Vier Stunden übelste Schufterei bis zum Einstieg in die eigentliche Route in dem riesigen, klaffenden Einschnitt in der Bergflanke. Greg und Nick planen die erste Wiederholung.
Nach ihrer Ankunft wollen die beiden zuerst eine Spur anlegen, den Zustieg austesten und dann in ein paar Tagen für den eigentlichen Aufstieg wiederkommen. Alles läuft perfekt, obwohl die drei schwierigen, bröseligen Mixed-Seillängen, die auf den stundenlangen Marsch folgen, nicht viel mit Jon’s Beschreibung gemeinsam haben und viel länger dauern, als erwartet. 

Endlich oben, kämpfen sie sich wieder eine Stunde durch den Tiefschnee und klettern dann noch eine M5 Mixed-Seillänge in der Dunkelheit. Oben umschließt sie dichter Wald und es wird dunkel. „…2:45 Stunden die Schneeflanke nach oben, dann steht man vor der Route…“ schreibt Jon in seiner Beschreibung. Aber Aufgeben ist keine Alternative, sie sind schon so weit gekommen. Also gehen sie los, um eine Spur vorzubereiten. Seile, Eisgeräte und alles sonstige Schwere lassen sie vorerst zurück, dann schlagen sie sich durch den dichten Wald nach oben.

1. Der Zustieg... 2. ...hat es durchaus in sich.
NICK, NICK, HILFE! ER HAT MICH!!!  

Der Mond ist nicht zu sehen und die Dunkelheit verschluckt sie völlig. Nick tritt einen schmalen Pfad in den knietiefen Schnee. Kleine Tannen säumen den Waldrand, alles scheint friedlich…


Greg ist hinter ihm. „BÄR, AAAAAAH!!!“ Nick wirbelt herum und sieht Greg auf sich zu stampfen, dicht gefolgt von einem Grizzly! Der Bär schiebt und presst sich mit seinen starken Beinen vorwärts wie eine Dampflok. Der Schnee reicht bis über seinen Bauch, ohne ihn auch nur etwas zu bremsen. Greg rennt aus seinem Sichtfeld und das dampfende, grollende Ungetüm tobt an Nick vorbei, dass die Gischt nur so spritzt – und eine schreckliche Sekunde lang sieht der Bär ihn an. Eine schreckliche Sekunde lang denkt Nick Bullock: „OK, das war’s. Verdammt noch mal, das war’s…“. Doch im nächsten Moment entdeckt der Grizzly, dass Greg gestürzt ist. Nick rennt den Berg hoch, so schnell der tiefe Schnee es zulässt, aber Greg fällt wieder auf den Rücken und der Bär kommt! Springt! Schreiend tritt Greg zu, doch der Bär beißt einfach durch den massiven Bergstiefel hindurch, als wäre es ein Filzhausschuh. Dann setzt er nach und verbeißt sich in Gregs Schienbein, packt das andere Bein mit seiner Tatze und hebt ihn hoch.

Der rote Pfeil zeigt die Stelle des Angriffs...
Der rote Pfeil zeigt die Stelle des Angriffs...
Es ist sehr unwahrscheinlich, von einem Grizzly angefallen zu werden. Und noch unwahrscheinlicher, diesen Angriff zu überleben.

Nick Bullock


Wie reagiert ein Mensch in einer solchen Situation? Nun, das kann wohl niemand sagen. Aber Boswell ist Boswell und mit seiner Reaktion hat der Bär nicht gerechnet. Er greift mit beiden Händen in das riesige Maul und presst die Kiefer auseinander, schlägt, schreit…“NICK, NICK, HILFE! ER HAT MICH!!!“ Nick bleibt stehen, hört seinen Freund, den ganzen Schrecken, sein Flehen… und unterdrückt langsam seinen Überlebensinstinkt, der sagt: „Lauf weiter!“ Er dreht um und geht zunächst zaghaft zurück, „bewaffnet“ mit einem einzelnen Skistock. Aber Greg ruft wieder und wieder seinen Namen, da geht er nochmals einige Schritte nach unten als plötzlich aus der Dunkelheit etwas auf ihn zu stürmt. Nick schreit, vor Angst völlig erstarrt! Dann erkennt er den Schatten: Es ist Greg, schreiend, rennend und fluchend! Bullock schaut in sein aschfahles Gesicht und sieht blankes Entsetzen. 


Beide rennen brüllend entlang ihrer Aufstiegsspuren zurück in den Wald. Umzingelt von Bäumen und Ästen, die sie auf ihrer wilden Flucht völlig zerkratzen. „Sieh mich an, sieh mich an, bleib bitte bei mir!“ In der Dunkelheit erwarten sie die ganze Zeit einen neuen Angriff aus dem Hinterhalt. Nach gefühlten Stunden finden sie endlich ihre Steigeisen und die Eisgeräte. Die Abseilstelle ist nur noch fünf Minuten entfernt! Nachdem er sich kurz umgesehen hat, packt Greg die Ausrüstung in seine Tasche. Nick steht da, mit brennender Stirnlampe und einem Eisgerät in jeder Hand. Vorsichtig um sich leuchtend und wachsam, große, Mut machende Reden schwingend: „Wenn er kommt, rennen wir nicht mehr weg! Wir halten zusammen und zeigen‘s dem Mistvieh!“ „Ja, da stecken wir gemeinsam drin, wir machen ihn fertig, wir machen ihn verdammt noch mal fertig!!!“ Aber in Nicks Gedanken ist das Monstrum gerade dabei, das Eisgerät mit einem Schulterzucken abzuschütteln und zu zerquetschen wie ein lästiges Insekt. „Meistens kommen sie bei Nacht… meistens…“ spukt es in seinem Kopf herum. 


Hier sitzen sie fest, zusammen mit dem Grizzly.  

Dann brechen sie auf. Schwitzend, fluchend, schreiend und die Eisgeräte aneinander schlagend folgen sie ihren Aufstiegsspuren. Denken sie. Sind sie aber nicht, es sind die Bärenspuren und nach einer Stunde haben sie sich völlig verirrt. Irgendwann merken sie es. „Lass uns die Abbruchkante suchen!“ Dann stürzen sie sich den Hang wieder herunter, fallen über Felsstufen durch den lockeren Schnee immer weiter nach unten. Nick weiß, sie könnten unten über die Kante stürzen und ein kleiner Teil von ihm hofft sogar, dass es passiert. Der Albtraum hätte ein Ende! Dann stehen sie plötzlich am Abbruch. Greg macht seine Lampe wieder an, Nick sieht sich genau um. Sie müssen zurück. Zurück zum Bär, zum Ort des Angriffs, zurück in den finsteren Wald. Sie sind zu weit rechts, hier würden sie die Seile nicht finden. Hier sitzen sie fest, zusammen mit dem Grizzly.

Eine Stunde später, kriechend, sich durch das Gestrüpp schlagend, ihren Spuren folgend, den Bärenspuren folgend, irgendwelchen Spuren folgend, entdecken sie die Stelle, an der sie falsch abgebogen sind und ein paar Minuten später finden sie die Seile und die Abseilstelle. Greg seilt zuerst ab. Nick sitzt an der Klippenkante und schaltet seine Stirnlampe an, starrt in die Dunkelheit und die Bäume und hält beide Eisgeräte bereit. Greg ist unten und schreit, um ein Zeichen zu geben, irgendein Zeichen, irgendwas. Nick folgt. Gemeinsam waten sie durch den Schnee auf dem mittleren Felsband zwischen den zwei Sektionen einer Route namens „Shooting Star“. Irgendwo in der Ferne heulen Wölfe. Gregs blutigen Fußspuren folgend, fragt sich Nick, auf welche Entfernung Bären wohl Blut wittern können. Als sie den gebohrten Standplatz über der ersten Sektion von „Shooting Star“ erreichen, bereitet Greg die Seile vor und Nick hält abermals Wache.

Drei Abseilpassagen später sind sie unten, folgen noch eine halbe Stunde lang ihren gestrigen Aufstiegsspuren und erreichen die Straße. Es ist 00:45 Uhr, um 02:30 Uhr kommen die beiden in der Notaufnahme des Krankenhauses in Banff an. 


Greg braucht sofortige Behandlung, der Bär hat fünf riesige Löcher in seinem Unterschenkel hinterlassen.

Greg Boswell nach überstandener Odyssee.
Greg Boswell nach überstandener Odyssee.

Im Original von Nick Bullock

Deutsch: A. Tappe