Bergell - Klettern, Kunst und Kastanien

Schuster Mitarbeiterin Simone war wieder schwer vertikal unterwegs und zwar im wunderschönen Bergell. Das Hochtal liegt im Schweizer Kanton Graubünden, zwischen Chiavenna in Italien und dem Engadin in der Schweiz. Hier gibt es viele alpine Granitklettergebiete, mit Respekt einflößenden Namen wie „Pizzo Badile( 3308m)“, die“ Sciora“, oder die Spazzacaldera mit der spektakulären Granitnadel „La Fiamma“.

Wir wollten eine Woche in den hochalpinen, weitläufigen und gut erschlossenen Felsen rund um die Albignahütte verbringen. Einfach nur klettern, klettern, klettern.

Die Capanna da l’Albigna ist eine Hütte des Schweizer Alpen Clubs ( SAC). Sie liegt auf einer Höhe von 2336 m. Mögliche Zeitfenster fürs alpine Klettern dort sind Juni, Juli, August, bis in den September und maximal in den Oktober hinein.

Nach dem traditionellen Kastanienfest am 1. Oktober schließt die Hochgebirgshütte spätestens Mitte Oktober und bei beginnenden Schneefällen.

Der Oktober (1.- 23. Oktober) steht im Bergell im Zeichen der Kastanie, dem „Festival della Castagna“. Vor ca. 2000 Jahren brachten die Römer die Edelkastanie in diese Region. Oberhalb der Ortschaft Castasegna gibt es noch einen der größten und schönsten Edelkastanienwälder Europas.

Schwer bepackt mit der alpinen Kletterausrüstung, und reichlich zusätzlichen Riegeln, Schokolade und Keksen fuhren wir für noch erschwingliche 24 CHF (für Schweizer Verhältnisse nicht schlecht) mit einer kleinen Arbeitsseilbahn bis zum Stausee hinauf. Wenn man mit dieser Zwei Personen Kabine wieder hinunter möchte, nimmt man den alten Telefonhörer in der Gondel in die Hand und sagt im Kassenhäuschen unten Bescheid.

Im Albignatal wird der Albignasee durch eine Staumauer gesperrt, welche der Stromnutzung dient. Vom Stausee aus führt der Weg in ca. einer dreiviertel Stunde zur Hütte. Das Steingebäude liegt auf einer wunderschönen, grasbewachsenen Terrasse und bietet einen faszinierenden Ausblick auf den türkis leuchtenden See und die umliegenden Gipfel.


Bergtheater

Das Bergell ist jedoch nicht nur bekannt für seine Berge, sondern auch für seine Künstler. Vor allem durch den italienischen Maler Giovanni Segantini und die Familie Giacometti.
Auch heute noch leben und arbeiten viele Künstler in dieser Region.

Wir kamen während unseres Aufenthaltes in den Genuß, zwei von ihnen kennen zu lernen.

Vor dem schon sehnlichst erwarteten, leckeren und üppigen Abendessen wurde ein Freiluftspiel der beiden Schauspieler Gian Rupf und Rene Schnoz vor der grandiosen, abendlichen Hochgebirgsszenerie rund um die Albignahütte aufgeführt.

Das Zwei Mann Stück mit dem Titel „Ein Russ im Bergell“, handelte von Christian Klucker, (1853-1928) einem der bekanntesten, historischen Schweizer Bergführer und dem russischen Baron Anton von Rydzewski (1836-1913), seinerseits Forscher und Fotograf.

Ein Erzähltheater aus Originaltexten über ihre gemeinsamen Erstbesteigungen, ihre tragische Verbundenheit, und den unüberwindlichen Standesunterschieden zwischen Bergführer und Gast.

Die Schauspieler durchwanderten in 4 Tagen das Bergell über die Sasc Furä Hütte, die Sciorahütte, dann die Albigna, und zum Schluss die Fornohütte, und spielten je nach Wetterlage draußen oder in der Hütte ihr Stück gegen eine Spende.


Alpines Klettern

Die Albignahütte, die von einem Schweizer Bergführer bewirtschaftet wird, war fast ausschließlich mit Kletterern belegt. Abends tauschten wir uns in gemütlicher Atmosphäre mit anderen aus, studierten die Topos und entschieden dann je nach Wetterprognose für den nächsten Tag, welche Touren wir in Angriff nehmen wollten.

Zum Eingewöhnen( hier waren jetzt für die kommenden Tage bequeme Kletterschuhe und stehen angesagt!) gab es mehrere kurze Reibungsklettereien mit 4/5 Seillängen am Placche del Lago (2300 m), der von der Hütte aus schnell zu erreichen war.
Ebenso problemlos in Hüttennähe konnten wir am Piz dal Päl (2618m) klettern. In den plattigen Wänden wurden verschiedene Routen erschlossen. Die „Hokuspokus“ war mit 8 Seillängen und einem Schwierigkeitsgrad von 5c/6a im Schlussteil schon recht anstrengend.



Nachdem das Wetter noch stabil blieb, entschieden mein Kletterpartner und ich uns als nächstes für eine längere Tour an der Punta Albigna (2825 m).
Die „Via Meuli“ (4b, 10 Seillängen) ist eine klassische, d.h. sparsam abgesicherte Route in der Wand mit einem längeren Zustieg und einem Abstieg, der noch Reserven an Energie und Konzentration benötigt.

Ich muß zugeben, so beeindruckend und begeisternd die Kletterei in den Granitwänden auch war, - ich war richtig froh, als am nächsten Tag im leichten Nieselregen die Pläne erstmal zum Stillstand kamen und ich „nur“ eine Wanderung in Richtung dem höher gelegen Sektor „Biopfeiler“ unternehmen konnte.

Aber dann regnete es sich richtig ein, und somit war klar, daß wir am nächsten Tag absteigen würden. Mit einem dann doch wehmütigen Blick auf die gegenüberliegende Fiamma in dunkle Wolken gehüllt.

Wir schauten uns an, während der starke Wind an den Kapuzen unserer Goretexjacken zerrte: „ Das nächste mal dann.“