Die „Via delle Bocchette“ -der faszinierendste Klettersteig Klassiker der Alpen

Quer durch die gesamte Brentagruppe im Trentino verläuft eine der spektakulärsten Klettersteig-Anlagen der Alpen, die schon in den 30er Jahren in den Dolomitenfels hineingebaut wurden. Noch heute zählt die Mehrtagestour oberhalb von Madonna di Campiglio auch unter erfahrenen Alpinisten zu den größten alpinen Klassikern. Unsere Kollegin Simone war dort 5 Tage unterwegs.

Die einzelnen Etappen sind klettertechnisch unterschiedlich anspruchsvoll im mittleren Schwierigkeitsbereich und verlangen eine gute Kondition für durchschnittliche Geh- und Kletterzeiten von ca. 7 Stunden. Schwindelfreiheit und konzentriertes, sicheres Gehen und Klettern ist in dem teilweise brüchigen, verblockten und gerölligen Gelände eine notwendige Grundvoraussetzung.

In einer Höhe von meist 2500-3000m gibt es eine Vielzahl von Stahlseil Routen, die unter anderem auf den geologisch natürlich entstandenen schmalen und ausgesetzten Felsbändern entlang führen, für die die Brenta berühmt geworden ist. Diese werden durch lange, teilweise leicht überhängende Eisenleitern und Klammern zu einem ausgedehnten Wegenetz verbunden.

Bocchette-Brenta
Unterwegs zum nächsten Band.

Neben diesen drahtseilversicherten Steigen gilt es aber auch im unversicherten I-II Gelände längere Abschnitte zu bewältigen. Ebenso wie die Durchquerung zahlreicher Scharten ( Bocchette = Scharte)und das Passieren von Gletscherresten oder Firnrinnen.

Aufgrund dessen ist der Bocchette auch in der Sommerzeit nicht überfüllt, und oft befindet man sich allein in dieser abgeschiedenen, grandiosen Bergwelt.

Der gesamte Weg über 31 km und ca. 6000 Höhenmetern setzt sich aus mehreren Etappen zusammen, die auch einzeln als Tagestour gegangen werden können.

Die Tour in 5 Tagen

1. Tag: Sentiero Alfredo Benini, Rifugio Tuckett

Nachdem wir unsere Autos in der Tiefgarage geparkt haben, steigen wir gegenüber in die Grostè Seilbahn ein, die uns auf ca.2200 m bringt. Während im Tal bei 30 Grad die Sonne scheint, sind die vor uns liegenden Felsmassive in dichte Wolken gehülllt und das Thermometer zeigt gerade mal 8 Grad.
Das sind übliche hochalpine Wetterverhältnisse auch im August. Ich habe neben meinen kurzen Klettersteighandschuhen aber auch leicht gefütterte Softshellhandschuhe und eine Softshelljacke mit dabei. Von der Bergstation führt ein rotweiss markierter Steig über ein weites Geröllfeld zu den Nordabbrüchen der Cima Grostè, wo wir in den Sentiero Alfredo Benini einsteigen. Völlig allein bewegen wir vier uns auf den Bändern, inmitten dieser schroffen, senkrecht aufragenden Felsmassive aus brüchigem Stein. Das ist schon sehr beeindruckend und die durchziehenden Wolken erzeugen eine fast magische Stimmung.
Die Kletterei im B Bereich ist nicht schwer,so hat man die Möglichkeit, erstmal diese eindrucksvolle Bergwelt auf sich wirken zu lassen.
Beim Abstieg zur Tuckett Hütte geraten wir doch noch auf den letzten Metern in eines der häufigen Brentagewitter. Um so mehr freuen wir uns über den Trockenraum mit warmem Gebläse, das sehr leckere, üppige Essen und die gemütliche Atmosphäre.

Brenta-Bocchette-Weg-Klettersteig
Brenta-Bocchette-Klettersteig
1. Das Wetter wollte noch nicht so recht.

2. Tag:Sentiero Bocchette Alte, Rifugio Alimonta

Nach einem kurzen, italienischen Frühstück mit einem super Cappuchino aus der Maschine starten wir vor der heutigen langen Etappe schon früh. Über Nacht ist der Regen in Schnee übergegangen und die oberen Felsen sind leicht angezuckert. Es ist strahlend schönes „Winterwetter“.
Unmittelbar hinter der Hütte beginnt der steile Aufstieg am Gletscherrand zur Bocca del Tuckett. Der Steig durch das Geröll ist anstrengend mit den schweren Rucksäcken - was zum wach werden am frühen Morgen.
Von der Bocca del Tuckett geht es über mehrere mit einer dünnen Eisschicht und Schnee überzogenene Steilaufschwünge dem Bocchette Alte entlang. Selbst die Drahtseile sind hier noch vereist und es verlangt schon alpine Klettererfahrung, bevor wir die sonnenbeschienene Südseite erreichen. Nach mehreren Stunden kommen wir mit einigen anderen zum Plateau Spallone di Massodi (3004) Von dort führt der Weg über ein langes Leiternsystem auf ein steiles Geröllfeld. Nach ca. 8 Stunden haben wir gegen Nachmittag das Rifugio Alimonta erreicht.

Brenta-Bocchette-Klettersteige
Brenta-Bocchette-Klettersteige
Brenta-Bocchette-Klettersteig
1. Spektakuläres Panorama 2. Schwindelerregende Bänder 3. Die schattigen Passagen sind noch teils eisig.


3. Tag: Sentiero Bocchette Centrale, Rifugio Tosa, Rifugio Agostini

Ich bin schon vor dem Wecker wach, zieh mir die Daunenjacke über und setze mich vor die Hütte, um den Sonnenaufgang zu erleben. Die Luft ist schon warm, der Himmel wolkenlos und die uns umgebenden Felswände erstrahlen in orange.
„Königswetter“ für die Königsetappe.
Heute morgen starten wir mit mehreren Gruppen, die diese berühmte Einzeletappe von Südtiroler Bergführern geleitet gehen.
Nachdem wir wieder an einem Gletscherstück steil zur Einstiegsscharte aufgestiegen sind, lassen die Bergführer uns den Vortritt in den Klettersteig. Bei schönstem Wetter ist das Gehen und Klettern auf den schmalen, ausgesetzten Bändern landschaftlich ein Genuss. Die Wege sind oftmals nur einen halben Meter breit, verlaufen oft hangparallel und fallen bis zu 500 m tief senkrecht ab. Obwohl es ein Samstag ist, kann man nicht behaupten die Via Bocchette sei überlaufen. Dazu ist er wohl zu anspruchsvoll.
Wir umrunden das Herzstück des Bocchette, den 2800 m hohen beeindruckenden Campanile Basso, in dem einige Seilschaften zu sehen sind.
Nach einer wohlverdienten Cappuchinopause am Rifugio Tosa entscheiden wir uns, den zweiten Teil bis zum Rifugio Agostini auf dem Steig, der am Fusse des Gebirgsstocks entlang führt, anzusteuern.

Brenta-Bocchette-Klettersteig
Brenta-Bocchette-Klettersteig
Brenta-Bocchette-Klettersteig
Brenta-Bocchette-Klettersteig
1. Das erste Stück geht über den Gletscher. 2. Dann kommen die Leitern. 3. Rifugio Tosa 4. Verschwindet fast im Grau: Rifugio Agostini


4. Tag: Rifugio XII Apostili, Camosci und Agola Gletscher, Sentiero Martinazzi,Rifugio Brentei

Auch für heute ist stabiles Wetter vorhergesagt, auch wenn sich in den Brentagipfeln schnell Wolken zu Gewitterfronten aufbauen können. Über einen leichten Klettersteig in ungewohnt kompaktem Fels sind wir zur Mittagszeit für den wohlverdienten Cappuchino am Rifugio XII Apostili, das sich auf einem Plateau in einem riesigen ausgeschliffenen ehemaligen Gletscherbecken befindet. Danach geht es wieder steil bergauf, einer langgezogenen Moräne entlang des Agola Gletschers zur Bocca dei Camosci( 2757m), die einen fantastischen Tiefblick auf den nächsten Gletscher bietet.
Ich ziehe mir hier oben in Ruhe die Steigeisen an, und klettere dann den Klettersteig senkrecht nach unten. Der Gletscherrest ist mit Geröll durchsetzt und unschwer abzusteigen.
(Auf dem Bocchette sollte man unbedingt Steigeisen, zumindest Leichtsteigeisen, für die Gletscherüberquerungen dabei haben.)
Danach benötigt man noch viel Energie und Konzentration, um den ausgesetzten und langen Sentiero Martinazzi bis zum ersehnten Rifugio Brentei durchzugehen.
In diesem Rifugio spürt man immer noch den Geist des legendären Bergführers und ehemaligen Hüttenwirtes( bis 2008), Bruno Detassis, dem „König der Brenta“. Detassis war einer der prägenden Alpinisten der 1930er Jahre, eröffnete über 200 Routen und war maßgeblich beteiligt am Bau des Sentiere delle Bocchette.

Brenta-Bocchette-Klettersteig
Brenta-Bocchette-Klettersteig
Brenta-Bocchette-Klettersteig
1. Die Sonne stellt die Brenta-Dolomiten ins richtige Licht. 2. Und die Wolken sorgen für die nötige Dramatik. 3. Rifugio Brentei.


5. Tag : Sentiero Sosat, Rifugio Tuckett, Grostè Seilbahn, Madonna di Campiglio

An unserem letzten Tag durchsteigen wir kurz hinter der Hütte beginnend, den relativ neu angelegten Sentiero Sosat. Trotz des Feiertages und des heißen Sommertages ist es recht einsam auf dem Steig und ich geniesse die Ruhe in den riesigen Dimensionen der mich umgebenden Felswände.
Nur auf dem letzten Wegstück vom Rifugio Tuckett bis zur Seilbahn Station herrscht reger Ausflugsverkehr, obwohl auch das kein Spaziergang ist.
Mit unseren vollgepackten Rucksäcken, den massiven Bergstiefeln und langen Softshellhosen wirken wir wie Aliens zwischen den leicht bekleideten Seilbahntouristen.
Zum Abschluß geniessen wir beim obligatorischen Cappuchino auf der Terrasse mit dieser glücklichen Erschöpfung in den Knochen noch mal den Blick auf das gesamte Brentamassiv.

Für mich war es tatsächlich in ihrer Einsamkeit, den Herausforderungen und der landschaftlichen Großartigkeit eine der schönsten alpinen Touren.

Text und Fotos: Simone Wegner