China – Klettern an den Karstbergen von Yangshuo

Guifen Pan bringt bereits die dritte Kanne Reiswein und schenkt die Gläser erneut randvoll. Ihr Mann hat ihn selbst gekeltert. Schön, dass die beiden uns hier am Tisch Gesellschaft leisten. Schon seit Stunden sitzen wir hier und lassen es uns schmecken. Es soll noch spät werden heute Nacht!

Terrassen auf dem Drachenrücken 

Wir befinden uns in einer kleinen Pension in den Longji Reisterrassen. In diesem Gebiet im nördlichen Teil der Provinz Guangxi haben die Bauern über Jahrhunderte hinweg in mühevoller  Arbeit einen kompletten Bergrücken mit Reisfeldern überzogen. Aufgrund seiner zackigen Form wird er als Drachenrücken bezeichnet. Die einzelnen Terrassen wurden teilweise in derart steile Bereiche gebaut, dass die Anbaufläche gerade noch einen halben Meter breit ist. Gepflügt wird hier nicht mit den sonst allgegenwärtigen Wasserbüffeln, sondern mit kleinen Pferden und Maultieren. Sie können sich in den steilen Hängen besser bewegen.


Hässliche Entlein vs. Schlangen
 

Wir durchstreifen zwei Tage lang die Hänge, Nebel und Wolken hängen in den Gipfeln und die Terrassen verlieren sich wie steile Treppen im Nichts. Dazwischen stehen kleine Bambuswälder, die ihre einzelnen Stämme bis zu 15 Meter in die Höhe strecken. Alles trieft vor Feuchtigkeit, die Regenzeit kündigt sich an.

Die Bauern in dieser Gegend, wie auch unsere Wirtsleute, gehören der Volksgruppe der Yao an, einer von etlichen  in China lebenden ethnischen Minderheiten. Sie leben in, sich nach oben verbreiternden, mehrstöckigen Pfahlhäusern. Diese werden heute noch traditionell ohne den Einsatz von Nägeln gebaut, nur dazwischen getriebene Holzkeile fixieren die Balken. Vor vielen der Gebäude sitzen schwarze, auffallend hässliche Enten. Die Bauern erzählen, dass man im Umfeld der Enten nie auf Schlangen treffen wird. Angeblich haben sie Angst vor den Vögeln.


Das Haar der Mutter 

Das besonders auffällige Merkmal der Yao sind die fast bodenlangen Haare der Frauen, die sie in einem kunstvollen Knoten auf dem Kopf tragen. Damit nicht genug, verbirgt dieser noch eine Besonderheit. In ihm sind zwei weitere Haarbüschel von enormer Länge eingeflochten. Zum einen die, die sie sich selbst zweimal im Leben abschnitt, zum anderen jene der Mutter, welche nach dem Tod an die Tochter übergehen. Guifen Pan zeigt uns am nächsten Tag, wie sie die Büschel einflechtet und innerhalb kürzester Zeit den Knoten knüpft. 


1. Freundliche Menschen - Bei diesen Bauern durften wir nächtigen. 2. Seine Frau trägt den typischen Haarknoten der Yao. Offen sind die Haare ca. 1,5 Meter lang.


Ferkel on the road  

Gerne hätten wir noch mehr Zeit bei diesen überaus herzlichen Menschen verbracht, doch Linda, unser selbsternannter Guide ermahnt uns zum Aufbruch. Wir müssen heute noch zurück nach Yangshuo, einer Kleinstadt am Li Fluss. Also heisst es Rucksäcke packen! Die Busfahrt dauert bei guten Bedingungen vier bis fünf Stunden (je nach Verkehrslage in Guangxi´s Hauptstadt Guilin). Doch die Fahrt ist erlebnisreich. Durch herrliche Bergbambusbestände windet sich die Straße talwärts, die Hühner gackern unter dem Sitz und vor uns liegt ein Jutesack voller Ferkel und grunzt Dich an. Der Bus ist das einzige öffentliche Verkehrsmittel für die Bauern auf dem Weg zum Markt in Longsheng, dem besten Ausgangspunkt für Touren in die Region. Oder zur  Weiterreise nach Sanjiang, dem kulturellen Zentrum der Dong Minorität.

Chinas Sportkletter-Mekka Nr.1  

Die Region um Yangshuo erkunden wir bereits Tage vorher zu Fuß, mit dem Fahrrad und dem Bus. Hier ragen unzählige kegelförmige Gipfel aus der Ebene um den Li Fluss, etliche sind von gewaltigen Höhlen durchzogen. Die meisten sind mit dichtem Wald bewachsen, doch wo es zu steil wird, zeigen nackte Felswände ihr helles, kalkiges Gesicht. Da sie recht leicht und schnell zu erreichen sind, hat sich Yangshuo seit Mitte der neunziger Jahre zu Chinas Sportkletter-Mekka Nr.1 entwickelt und auch Backpacker aus aller Welt geben sich hier in den vielen Hostels die Klinke in die Hand.

Der Moon Hill ist ein besonders eindrucksvolles Beispiel der Karstlandschaft.
Der Moon Hill ist ein besonders eindrucksvolles Beispiel der Karstlandschaft.


Sehr erfreulich ist es zu sehen, dass auch immer mehr junge Chinesen dem Outdoor Trend verfallen und beginnen, auf eigene Faust die Schönheit der überwältigenden Natur zu erkunden, anstelle hastigen Pauschalreisen den Vorzug zu geben. Das Umweltbewusstsein vieler ist dadurch spürbar gestiegen. Auch der persönliche Kontakt mit der Minderheitenbevölkerung hat zugenommen. Und das führt hoffentlich dazu, dass diese Menschen nicht mehr als Kuriosität begafft werden. Schön und wichtig wäre es, wenn ihre Kultur wieder in den Vordergrund rückt und erhalten bleibt.

Felsgruppen, Fischer und die Nonne, die auf den Mönch wartet

Schemenhaft ziehen die Berge an uns vorüber. Das ganze Ausmaß lässt sich nur erahnen. Einzelne Felsnadeln zeigen im Nebel ihre wahre majestätische Erscheinung. Bei klarer Sicht gehen sie vor dem Hintergrund mit all seinem Grün geradezu unter. Wir sitzen auf einem Floß, auf dem Weg von Yangdi zur alten Fischerstadt Xingping.

1. Kormoranfischer am Li 2. Kleines Floss auf großem Wasser

Der Fischer, mit dem wir diese Fahrt unternehmen dürfen, versucht uns mit Händen und Füssen die einzelnen Namen und die Bedeutung der Berge verständlich zu machen. Also fuchtelt er wie wild an seinem Steuer herum und zieht ständig etwas aus der Tasche das damit in Bezug steht. Wir passieren die Felsgruppe auf dem 20-Yuan-Schein, die nächste ist auf seiner Zigarettenschachtel abgebildet, deren Inhalt während der ganzen Zeit glimmend von seinem rechten in den linken Mundwinkel wandert.

Die Berge haben fantasievolle Bezeichnungen, wie das „Neun Pferde Fresko“ oder „Die Nonne, die auf den Mönch wartet“. Nach ungefähr einer Stunde legen wir am rechten Flussufer an. Außer ein paar Häusern und einer Fähre ist nichts zu sehen. Unser Fahrer meint, wir müssten damit übersetzen, am anderen Ufer sei Xingping. Dann verabschiedet er sich grinsend von uns und dem Fährmann, der schon mit den Worten „8 Yuan each“ und einem lachenden Mund voller Goldzähne auf uns zukommt. Auf der anderen Seite angekommen erreichen wir nach einem zweistündigen Fußmarsch durch strömenden Regen und eine wunderschöne Landschaft mit verträumten Dörfern Xingping. Etwas demotiviert und über Gauner philosophierend steigen wir dort völlig schlammverspritzt in den Bus. Doch als wir abends die Bilder durchgehen sind wir ihm sogar dankbar.

Kegel & Kuppen, Grillen & Affen

Mit dem Rad fahren wir am folgenden Tag zum Moon Hill, einem der markantesten Kegel der Region. Sein Gipfel ist durchbrochen von einem riesigen, halbmondförmigen Bogen, die Innenseite hängt voller Tropfsteine. Blickt man durch die Öffnung, bietet sich einem der perfekte Rahmen um die Weite der Karstlandschaft einzufangen. Außerdem ist es möglich diesen imposanten Bogen über einen steilen Pfad durch dichtes Buschwerk vollständig zu besteigen. Der Weg  kommt dem Abgrund ab und an abenteuerlich nahe.

Wer es aufregender mag: An den Felsen des Berges gibt es auch einige recht anspruchsvolle Kletterrouten. Oben angelangt teilt sich der Gipfel in zwei kleine Kuppen, von welcher die Aussicht letztendlich schöner ist, bleibt die Entscheidung jedes Einzelnen. Zur einen Seite sieht man über die endlos ausgedehnten Kuppen der umliegenden Karstberge, welche sich in der Ferne verlieren. Zur anderen hat man die saftig grün bewachsenen Nachbarberge des Moon Hill direkt vor sich.

Dazwischen dehnen sich kleine Dörfer und Reisfelder aus. Die Wälder durchtönt ein ohrenbetäubender Lärm, ein Gemisch aus Grillen, Vögeln und Affen. Der Berg ist nicht sonderlich hoch oder weit entfernt von der Zivilisation, doch beschleicht einen am Gipfel ein leises Gefühl von Wildnis (spätestens, wenn man die Souvenir & Erfrischungen verkaufenden Damen hinter sich gelassen hat).

Echo betreibt Hotel, Bar und Kletterschule

Da wir Yangshuo auch des Kletterns wegen als unseren Ausgangspunkt bestimmt haben, suchen wir in der Stadt nach Topos. So treffen wir auf Echo. Sie betreibt ein kleines Hotel und eine Bar, die beide fast ausschließlich von chinesischen und ausländischen Kletterern bevölkert werden. Und sie ist auch die Frau hinter „Karstclimber“, einer Kletterschule die auch geführte Touren anbietet.

Ursprünglich stammt Echo aus der westlich von Guangxi liegenden Provinz Yunnan. Da sich auch Paul Collis, der Verfasser des einzigen Kletterführers über die Region derzeit wieder dort befindet, können wir uns bald vor Routenbeschreibungen nicht mehr retten. Auf die Frage ob Echo bereit wäre, uns einen Tag für Fotos zu begleiten, bekommen wir ohne Überlegung eine Uhrzeit und „The Egg“ gesagt.

1. Echo, hoch über den Reisfeldern 2. Der wasserzerfressene Kalk ist ein absoluter Klettertraum!

Tags darauf geht es durch einen morgendlichen Regenschauer zwar etwas verspätet los, aber bei unserem Vorhaben werden wir vollauf unterstützt. Beim „Egg“ handelt es sich um einen eierförmigen Felskegel inmitten von Reisfeldern voller Wasserbüffel und weißen Fischreihern. Bilderbuch! Die Kletterer haben den Bergen eigene, „andere“ Namen verpasst („Wine Bottle“, „Middle Finger“, „Chicken Cave“, „The Screaming Mountain Turtle“). Wir sind den ganzen Tag am Fels und kommen abends hundemüde, aber völlig zufrieden zurück. Dennoch sitzen wir noch bis drei Uhr Nachts, zuerst in, später vor  Echos „Karst Cafe“. Und Carsten aus Bamberg rennt das dritte Mal los um die Fleischspießchen des letzten offenen Straßenstandes endgültig aufzukaufen.

Wir wissen, dass am nächsten Tag eine weitere 30-stündige Zugfahrt zurück nach Beijing auf uns wartet, doch im Moment ist uns das völlig egal.