Die TOR zum Himmel

    Lassen wir einfach die Zahlen sprechen – 357 km, 30.000 Hm und 150 Stunden Zeit. Die TOR DES GÉANTS im italienischen Aostatal ist eine irrwitzige Aneinanderreihung an Auf- und Abstiegen und für Ultratrailrunner eine Reifeprüfung oder Unternehmung, die irgendwann auf der langen To-do-Liste steht. Unser Autor Denis Wischniewski war für 124 Stunden dabei.

    Bevor ich über diesen Lauf berichte, der eigentlich kein Lauf, sondern ein Trip ist, muss ich zunächst in die Vergangenheit blicken.

    Es ist nämlich so: Wer die Tor des Géants läuft hat eine lange Vorgeschichte. Eine Vergangenheit als Abenteurer, Läufer, Ultrarunner oder Outdoor-Enthusiast. Egal. Wie auch immer. Ich bin die Tor gelaufen und wollte das nicht. Nie. Es wäre mir doch nicht in den Sinn gekommen rund 360 km mit 30.000 Hm nonstop zu laufen. Vor allem – wie sollte ich denn das bitteschön erklären? Ich hatte jahrelang größte Mühen meinem Umfeld zu erläutern, wie es ist einen Marathon zu laufen, dann wie es ist 100 km in den Bergen zu laufen oder in Etappen durch die Sahara. Aber all das – und das weiß ich erst jetzt – ist nichts, aber rein gar nichts im Vergleich zur Tor.

    Mühsam war auch meine Annäherung an dieses irrwitzige Event. Im frühen Jahr brachte ich kaum einen 15-km-Lauf hin, ich litt auf 39 km des Basetrail XL im Juni und rettete mich beim Cortina Trail nach 50 km mit letzter Energie und letztem Verstand ins Ziel. Nichts davon hätte mich auch nur im Ansatz dafür qualifiziert, mir die breite Brust für etwas wie die Tor des Géants geben zu können. Im Gegenteil. Ich hätte im Juni eigentlich zu mir selbst sagen müssen: Hey, Denis, das ist was für die Großen. Das ist ganz weit weg. Ganz hinten am Horizont ist das und du bist noch am Strand mit Schaufel und Eimerchen beschäftigt!

    Mit jedem langen Lauf in den Hausbergen wuchs mein Selbstbewusstsein stückweise. Je näher der September und die Tor auf mich zukamen, desto größer wurde die Lust auf ein Abenteuer, auf einen Versuch, ein Experiment, das ich nicht kannte und mir auch nicht vorstellen konnte. Das Gute an einem Rennen über 360 km ist wohl, dass es derart abstrakt ist, dass man sich irgendwie keine Sorgen machen muss, nicht alles planen kann und zuletzt mit einer gesunden Naivität an den Start geht. Bei mir war das jedenfalls so. Da ich vor einigen Jahren schon einmal 220 km beim Irontrail gelaufen war wusste ich in Ansätzen, was auf mich zukommen könnte. Ich wusste um das ganze Problem mit dem Schlafmangel, ich wusste wie es ist, im Laufschritt einzuschlafen und dass das sogar geht. Ich wusste auch wie weh es tun kann, nach einem Tag und mehr auf den Beinen einen steilen Abstieg runterzurennen und dabei höllisch brennende Oberschenkel zu verspüren. Ja, man kann laufen und dabei schlafen. Ist das nicht genial?

    77 Nationen. 1.000 Teilnehmer. 357 km und fast 30.000 Hm. Courmayeur. Start und Ziel. Das Städtchen auf der italienischen Seite des Mont Blanc. Seit Wochen ist Courmayeur im Bann und Sog des Trailrunnings. Ein Event jagt das andere. Was hier im Winter der Skisport in seinem unfassbaren Gigantismus ist, ist im Sommer der alpine Laufsport in seiner unverdauten Einfachheit. Vor einer Woche war hier also noch alles im „UTMB-Fieber“, aber jetzt ist Courmayeur die Tor des Géants. Hier ist der Ort nicht Gast, sondern der Gastgeber - und das merkt man. Alles weht in Gelb.  Das komplette Aostatal ist gelb und es gibt im ganzen Tal wohl nicht eine Person, die hier nicht irgendwie involviert ist oder nicht weiß, was hier abgeht. Nein, so eine Stimmung, so ein Vibrieren am Vortag vor einem Trail-Wettkampf habe ich noch nie erlebt. Es scheint als wäre die Atmosphäre positiv geladen. Eine Anspannung liegt in der Luft, die aber zu keiner Zeit eine Verspannung ist. Die Abholung der Startnummer ist für mich keine bloße Handlung, es ist eine Zeremonie. Es ist bereits ein Teil des Rennens. Ich bekomme eine Nummer zugewiesen, die ich online einsehe. Italienisches Chaos verbindet sich hier organisatorisch mit absoluter Professionalität.

    Ich nehme also den Starterbeutel entgegen, hole meinen GPS-Tracker, der mich für die kommenden Tage begleiten wird und denen zu Hause eine Art Entertainment beschert. Ich trage den Beutel vorsichtig wie einen Teller heiße Suppe aus der Turnhalle. Im Hotel breite ich auf dem Doppelbett all meine Ausrüstung aus, sortiere alles gründlich, stehe minutenlang regungslos davor und finde es unerträglich noch einmal eine Nacht warten zu müssen bis es losgeht. Ich bin ruhig und irgendwie nun doch mit diesem Gewissen ummantelt, dass ich hier und jetzt am richtigen Ort zur richtigen Zeit bin. Ganz anders als noch vor zwei Monaten.

    Carsten ist da. Meine Frau ist da. Beide machen für mich den Support. Meine Frau für die ersten beiden Tage und Carsten, ein Freund aus Zürich, der die Tor schon einmal finishte, für die ganze Zeit. Was das bedeuten würde sollte mir erst im Laufe der Veranstaltung bewusst werden.

    Das Rennen beginnt!

    Als am Sonntag um 12 Uhr der Startschuss fällt ist das eine Explosion. Fast 1.000 Leute setzen sich in Bewegung, die einen mit Ruhe, die anderen mit einer Hektik, die ich dumm finde. Aber eigentlich ist es ja völlig egal wie man hier startet. Egal ob im Wandertempo oder in einer 10k-Pace - die Tor, ihre Länge, ihre Höhenmeter werden alle ausrichten und irgendwann einnorden. Die einen nach der ersten Stunde, die anderen nach der ersten Nacht oder dem ersten Gipfel über 3.000 m Höhe. Courmayeur entlässt mich also.

    Zack. Bumm. Das Rennen beginnt nach 15 Minuten so, wie es dann stoisch und schier endlos weitergeht. Es geht direkt nach oben. Weit nach oben und in den Schneesturm hinein. Es wird kalt, die Berge sind eingedeckt, aber meine Beine sind gut, ich fühle mich stark. Noch beobachte ich alle, die um mich herum sind und überlege, was das für Menschen sind und wie sie ankommen werden. Beim Wechsel meiner Klamotten überlege ich mir tatsächlich, wie viele Plätze ich nun dadurch verliere. Ein Witz. Ein so unglaublich unnützer Gedanke, wie sich im späteren Verlauf dieser Unternehmung herausstellen sollte. Plätze, Sekunden, Minuten haben bei der Tor eigentlich keine Bedeutung. Man denkt in Stunden, in Eindrücken, in Sonnenunter- und Sonnenaufgängen, man denkt und rechnet in 50-km-Abständen von Life-Base zu Life-Base oder von Rifugio zu Rifugio. Ich renne wieder nach unten und der Schnee löst sich auf. Es bleibt kalt. Nach genau 50 km erreiche ich die erste sogenannte Life-Base, von denen es sieben gibt. Das sind meist Turnhallen oder Gemeinderäume. Es gibt dort warmes Essen, Duschen und Feldbetten mit einfachen Stoffdecken, die am Anfang kratzen und beißen und irgendwann einfach ihren Dienst tun.

    An diesem Abend des ersten Renntages versammeln sich hier in Valgrisa alle Freunde, Bekannte und  Supporter und das ganze Dorf. Wären es nicht die ersten 50 von 360 km, wären nicht noch 310 weitere Kilometer zu laufen, dann wäre das hier ein perfekter Zieleinlauf, mit viel Jubel, viel Publikum und Emotionen. Ich trinke zwei Becher Suppe, etwas Cola und esse ein Stück Kuchen. In einem kleinen Raum lege ich mich hin. Meine Frau hat das Bett reserviert. Um 22 Uhr 53 checke ich ein, um 0 Uhr 54 verlasse ich diese Station und tauche in die erste Nacht ein.

    Maruki ist wieder da. Der Japaner ist gefühlt immer bei mir. Er ist vor mir. Ich überhole ihn. Er ist wieder vor mir. Ich komme in das Rifugio und er sitzt bereits da und isst Pasta. Oder ich sitze da, esse Pasta und er betritt die Hütte. Wir schauen uns an, nicken uns mit viel Respekt zu, aber keiner lächelt. Ich habe trotzdem das Gefühl, dass er mich mag, dass er sich freut mich zu sehen. Der Japaner ist jünger als ich, er ist ein echter Athlet und trägt ein Kopftuch, das ihn als UTMB-Teilnehmer erkennen lässt. Ganz ähnlich ist das mit Herrn Perini, ein drahtiger Italiener, den ich auf 60 schätze. Er bewegt sich mit dieser augenscheinlichen Routine durch die Tor, mit einer Aura, die einem direkt mitteilt, dass man sich einfach an seine Fersen heften sollte und dadurch in jedem Fall bis ins Ziel kommt und das perfekte Tempo einhält.

    Nach der ersten Nacht, dem zweiten Tag, erreiche ich am frühen Abend Cogne. Ein riesiges Zelt ist hier die zweite Life-Base. Ich lege mich für vier Stunden zum Schlafen in eine Halle und erkenne schnell, dass das nicht klappt. Ich liege vier Stunden wach und drehe mich wie ein Spanferkel über dem Grillfeuer um die eigene Achse. Vielleicht ist es genau diese Situation in der ich feststelle, dass ich nun in der Tor angekommen bin, ein Teil des Ganzen bin. Ich bin sehr bei mir selbst und habe viele andere Dinge längst ausgeblendet. Ich ziehe mir die Laufklamotten an, nehme Uhr, Lampe und Handy von der Powerbank und schreite steif wie ein Robotermann aus dem Schlafsaal, der brummt, ächzt und schnarcht. Er riecht auch. Ich auch.

    Die zweite Nacht wird schwierig. Es wird die eigentliche Prüfung, denn die Müdigkeit schlägt nun vollkommen und mit ganzer Wucht zu. Über einen sehr hohen Gipfel, bei -13 °C (ein paar Teilnehmer nach mir sollten hier später in einen fürchterlichen Schneesturm geraten), weit hinab in ein Tal, das sich endlos lange in einem Auf und Ab dahinzieht. Donnas. Ich habe im Moment nur Donnas im Kopf. Andere Teilnehmer sitzen mit dem Gesicht in den Händen direkt am Trail, schlafen im Sitzen und zucken bei jedem, der an ihnen vorbeiläuft erschrocken zusammen. Mit dem Licht des neuen Tages kann ich mich irgendwie wachhalten. In Donnas ist mein Akku leer. Carsten ist da. Er gibt mir Sicherheit und bei jedem Treffen das Gefühl, dass das, was und wie ich es mache gut ist, dass ich toll unterwegs bin, gut aussehe und perfekt im Plan bin. Welcher Plan? Es gibt keinen.

    Donnas. In: 10 Uhr 58. Out: 13 Uhr 34. Etwas Ruhe. Wieder kein Schlaf. Um ehrlich zu sein – ich habe keine Stunde wirklich geschlafen. In Donnas liegt ein Chinese neben mir auf dem Klappbett. Er schnarcht. Er schläft sehr tief. Ich beneide ihn sehr darum und würde ihn gleichzeitig gerne wachrütteln und ihn fragen, wieso er verdammt noch einmal so laut schnarcht, dass ich nicht einschlafen kann.

    Als ich Donnas verlasse weiß ich, dass das Gefühl, 150 km in den Beinen zu haben ein gutes Gefühl ist. Würde ich einen 100-Meiler laufen, wäre nun alles auf Finish gepolt. Ich würde alles zusammenraffen was ich besitze und in Richtung Ziel rennen. Und nun, hier, liegen noch mehr als 200 km vor mir. Ein Mittag, Nachmittag und Abend hinauf zum Rifugio Coda, von dem mir ein Läufer auf Südtirol sagt, dass dies die schönste Station des ganzen Rennens sei. Es wird ein schwieriger Abschnitt, den ich gemeinsam mit Timo und Erwin, zwei schwäbischen Kollegen, bestreite. Am Abend, mit dem letzten Licht erreichen wir die Hütte, die exponiert auf 2.280 m Höhe liegt. Der Aufstieg war mühsam, teilweise steil und vom vielen Regen nass und rutschig. Ich bestelle Kartoffelbrei und zwei Scheiben Rindfleisch mit viel Sauce, ein Bier und Schokolade. Wie in allen anderen Rifugios gilt auch hier die eiserne Regel – zwei Stunden Schlaf sind erlaubt. Nach einer Stunde und 30 Minuten lasse ich mich wecken, ziehe mich an und erlebe eine Horrornacht, die mich auszieht, leer macht und mich an den Rand von allem bringt.

    Ich renne hinter einem englischen Paar durch die Dunkelheit. Sie reden sehr viel und wirken unheimlich locker und stark. Der Mann um die 50 gibt das Tempo vor und die Frau hinter ihm, um die 30, folgt ihm und erzählt sehr viel. Sie sprechen über ihr Training, die Rennen, das Skyrace in Tromsö und darüber, wie es sonst so im Leben läuft. Ganz nebenbei erfahre ich in dritter Position, dass sie beide im Vorjahr hier erfolgreich gefinisht haben. Ich fühle mich plötzlich sicher und gut aufgehoben. Ich lasse sie ziehen. Sie sind mir zu schnell.

    Powernapping in einem kleinen Zelt auf 1.657 m. 23 Uhr. Ich erkämpfe mir einen Sitzplatz und schlafe für drei oder vier Minuten ein. Ich träume sehr intensiv von etwas ganz anderem als vom Laufen und umso erschreckender ist es wieder aufzuwachen und zu wissen, dass dies hier nicht der beste Platz für einen langen Schlaf ist. Ich reiße mich zusammen, stehe auf und schreite nach draußen. Meine Stöcke sind weg! Zur Erklärung: Das ist so ziemlich das Schlimmste, was passieren kann. Das ist ungefähr so, als wenn man der Polizei den Schäferhund oder das Polizeiauto nimmt oder dem Piloten noch in der Luft das Flugzeug. Irgendwie so halt. In meiner Not nehme ich mir andere und denke, dass es sich am Ende ausgleicht. Zumindest bleibe ich bei meiner Hausmarke.   

    Nun bin ich seit 60 Stunden unterwegs. Ich bin an dem Punkt, an dem ich weiß, auf was ich mich hier eingelassen habe und nun holt mich die Müdigkeit ein, die Nacht raubt mir Kraft. Ich versuche wach zu bleiben, nach vorne zu gehen, die Konzentration zu halten. Mit dem ersten Licht des neuen Tages kommt leider kein heller Moment bei mir zurück. Ich lege mich nur 2.000 m vor der Station in Niel neben dem Trail in einen laubbedeckten, ebenen Teil des sonst abschüssigen Waldes. Ich sitze, um nur Sekunden später nach links wegzukippen. Ich schlafe. 30 Minuten später wache ich wieder auf. Es ist bitterkalt. Ich marschiere weiter und komme in der Station an. Carsten erkennt die Situation schnell. Er reagiert sehr souverän und steckt mich für 60 Minuten in den Kofferraum seines Vans. Vermutlich ist das gar nicht erlaubt, aber es interessiert uns nicht. Nicht jetzt. Carstens Wecken ist unfair. Ich hasse ihn dafür, um ihn irgendwann später dafür wie ein Bruder zu lieben. „Denis, das Wetter wird ab heute besser. Da oben scheint die Sonne. Es wird warm und du wirst wieder Energie bekommen!“

    Er hat recht. Ich verlasse Niel mit einer Polenta Bolognese im Magen, laufe aus dem Tal hinauf in die Sonne, die mich wärmt, mir neues Leben einhaucht. Ab hier, ab dieser Station, Kilometer 192, wird alles besser. Der Sommer kommt zurück in das Aostatal, und ich bin ein Sommermensch. Ich habe Kraft und fresse die Höhenmeter mit viel Hunger. Ich komme gut voran, und etwas später in Gressoney, einer perfekten Life-Base, wird alles noch einmal auf null gestellt. Eine große Halle, gutes Essen. Ich dusche 20 Minuten lang sehr heiß und schlafe in einer leeren Kletterhalle auf einer herrlich weichen Turnmatte ein. Es ist still, keine Chinesen schnarchen. Nach drei Stunden verlasse ich Gressoney. Ich umarme Carsten zum Abschied und mir wird immer bewusster wie wichtig er ist, wie sehr mir sein Support hilft. Er findet immer die richtigen Worte und gibt mir ständig das gute Gefühl, dass ich hier etwas ganz Besonderes leiste und gut unterwegs bin.

    Die Tor des Géants ist längst kein Rennen mehr. Es ist kein Wettkampf. Ich bin in einem Abenteuer angekommen, in einer verrückten Aneinanderreihung von 25 hohen Bergen weit über 2.000 und 3.000 m, durch zwei Nationalparks und 34 Gemeinden.

    Die Höhenwege Via Alta 1 und 2 sind zu meiner lifetime experience geworden. Für mich und einige hundert andere aus 77 Nationen. Schon alleine diese Tatsache macht die Tor zu etwas Besonderem: Die Welt trifft sich hier. Es gibt keinen Neid, keine Differenzen. Ein Sport, die Natur, die Berge und ein großes Ziel einen uns alle. Vor mir liegt in Schnee gehüllt das Monte-Rosa-Massiv. Beeindruckend. Zwei wilde Hunde begleiten mich hinauf zum Col Pinter auf über 2.700 m Höhe. Maruki ist wieder da. Ich wusste längst nicht mehr, ob der Japaner weit vor oder weit hinter mir war. Nun ist er jedenfalls gleichauf und er nickt mir nüchtern zu. Gemeinsam blicken wir von dort oben hinab in den Abstieg und verfolgen mit unseren Blicken den Trail, der sich winzig klein irgendwo verliert. Ein weiter Weg liegt vor uns. Auch das ist die Tor des Géants: Alles bleibt über viele Stunden genau gleich. Meine Bewegungen, mein Tempo, meine Griffe in den Rucksack, die Abstände, in denen ich esse, trinke oder stehen bleibe. Und alles verändert sich ständig: Die Landschaft wechselt ihre Farbe, sie wird hell, sie wird dunkel.

    Es ist ein großartiges Gefühl. Der späte Sommer taucht das Tal und die Berge in ein warmes Licht, ich laufe nach mehr als 75 Stunden in einem lockeren Laufschritt bergab. Im Ort Champoluc öffnet Carsten wieder einmal den magischen Kofferraum. Für eine Stunde bin ich in tiefen Träumen, um danach eine weitere Nacht in Angriff zu nehmen. Längst bin ich meist ganz alleine. Nur manchmal erkenne ich einzelne Stirnlampen. Im Rifugio Grand Tournalin auf 2.500 m Höhe hab ich erstmals alles satt, was es dort gibt. Statt dem Instantkaffee und dem Weißbrot mit Mortadella bestelle ich in der Küche einen doppelten Espresso und ein Käsebrot, das sich vom Teilnehmerbüfett unterscheidet.

    Dem Hüttenwirt erkläre ich, dass ich all das Zeugs längst nicht mehr sehen kann und seit vielen Stunden von schwäbischen Maultaschen mit Kartoffelsalat träume – die Erklärung, was genau Maultaschen seien wird sehr lange, aber ich glaube er weiß, was ich meine. Große Ravioli.

    Mir wird fad. Die Nacht ist sehr dunkel und alles, was ich sehe ist der Lichtkegel der Lampe. Ich marschiere, ich drücke mich über meine Stöcke nach oben. Höhenmeter um Höhenmeter. Ich höre Musik. Ablenkung.
    Das neue Bruce-Springsteen-Album. Und wie dieser Song in meinen Film passt:

    "Ich folge dem Wetter und dem Wind  

    Ich bin ein rollender Stein, der gerade weiterrollt  

    Ich bin ganz oben auf der Welt  

    Fang mich jetzt, denn morgen bin ich weiter weg …"

    Ich habe nach drei Tagen geschafft, was ich schaffen wollte und belohne mich dafür. Mit dem sogenannten Cut-off habe ich längst nichts mehr zu tun. Mehr als 20 Stunden trennen mich davon. Ich bin entspannt und gönne mir in Valtournenche ganze vier Stunden Schlaf und Ruhe. Den Akku laden für den letzten Tag und die letzte Nacht. Erstmals wird ein Finish eine realistische Vorstellung. Über viele Stunden war ich mir nie sicher, ab wann man bei solch einem Rennen auf ein Finish hoffen darf. Nun ist es soweit: Im Laufen stelle ich mir vor, wie dieser Zieleinlauf in Courmayeur aussehen könnte. Werde ich noch rennen können? Werde ich an den geklauten Stöcken humpelnd die letzten Kilometer durch den Ort schleichen?

    Die Strecke wird indes nicht einfacher. Der Aufstieg und Abstieg zum Rifugio Cunéy wird zur Prüfung, und auch später wird es über den Col de Champillon nicht leichter. Die Tor lässt mich auch im letzten Viertel nicht aus ihren Klauen. Es bleibt von Anfang bis Ende ein und dasselbe Konzept. Hoch, runter, hoch und runter. Nach 100 Stunden auf den Beinen habe ich dieses Muster tief in mich aufgenommen. Es geht mit kurioserweise tatsächlich immer besser. Auf den letzten 50 km hole ich mehr als 100 Plätze auf und genieße es sehr, nur noch zu überholen. Das motiviert mich sehr.  Ich bin in einem Beast-Modus, schlage die Stöcke bergauf in den Boden und schiebe mich nach oben wie besessen. Ich laufe, marschiere und wandere wie auf Droge, als ob ich verfolgt würde. Running like thieves.

    Ich will es ab hier kurz machen: Ich durchlaufe nochmals eine Nacht und spüre Courmayeur vor mir. Es wird magisch. Auf fast 3.000 m Höhe überquere ich an Seilen die Passage au Malatrà, eine Stelle, die für manche schon so knifflig war, dass sie hier nach weit über 300 km einfach wie bockige Esel verweigerten. Ich überschreite den Fels und öffne damit den Vorhang zum Mont Blanc. Die Männer der Bergwacht jubeln mir zu, nehmen mich in die Arme, drücken mir mit riesigen Händen die Schultern zusammen und sprechen Glückwünsche aus, als wäre das hier das Ziel.

    Ich konserviere diese Momente und nehme sie mit in die Hitze eines langen Abstiegs. Die Sonne brät mich durch. Es wird ein langer Weg nach Courmayeur. Dass das Ziel immer näher kommt zeigt sich an den Touristen … es wird lebendig auf meinen letzten Kilometern. Plötzlich sehe ich Leute, die ich tagelang nicht sehen konnte. Menschen, die in Sneakers oder Flip-Flops wandern. E-Biker und US-Amerikaner.

    Die allerletzte Verpflegungsstation. Mir geht das Wasser aus. Ich laufe auf drei von vier Zylindern. Nein, auf zwei. Nur 100 m vor der Station bettele ich Touristen um einen Schluck Wasser an. Carsten kommt mir entgegen und fordert mich heraus. Von der Schutzhütte Giorgio Bertone geht es nun direkt nach unten. Nach unten ins Glück. Nach Courmayeur, dorthin, wo ich seit Tagen hin möchte - oder eben doch nicht. Vielleicht war es ja gut, so lange Courmayeur nicht zu erreichen. Ein Ultratrail wie die Tor ist eine Reise, es sind viele Stunden auf dem Trail, ein langer Weg. Und das Ziel ist nur ein Teil davon. Carsten ist also vor mir in diesem letzten, staubtrockenen, heißen Downhill. Meine Beine versagen kläglich, ich jammere und heule Carsten direkt in den Nacken hinein. Er reagiert nicht und fordert mich zum Laufen auf. Meine Schenkel krampfen. Ein junger Asiate überholt mich, als wäre er bei Kilometer 15. Ich gönne es ihm.

    Und dann, 45 Minuten später: Ich erreiche die lange Zielgerade im Zentrum von Courmayeur. Ich denke nichts. Ich bin sehr glücklich. Ich renne. Ich klatsche Hände ab, und Menschen, die in Straßencafés sitzen, erheben sich und applaudieren. Es ist mein Zieleinlauf und vermutlich das, wovon jeder, der so etwas macht, auch irgendwo träumt. Im Ziel sinke ich kurz nieder, werde von einer netten Frau an die große gelbe Wand geführt und darf meinen Namen zu den 186 anderen Finishern setzen, die vor mir hier ankamen. Ich trinke zwei Bier und bin innerlich gelöst und zufrieden wie vielleicht noch nie. Ich bin ein Tor-Finisher. Ich bin zum ersten Mal in all den Jahren, seit ich Ultratrails laufe, stolz. Die Tor des Géants hat mich. Ich bin ein Teil von ihr und sie für alle Zeit ein Teil von mir. Es verging keine Nacht – die erste Nacht, in der ich nur an der Wand entlanghangelnd auf die Toilette kam -, bis ich eine wichtige Entscheidung fällte.

    Ich komme wieder. Ich muss. Ich will. Wenn ich darf.

    Es ist wohl die Konsequenz der Sache, die Logik dieser Runde durch das Aostatal, die Herzlichkeit der Bewohner und die vollkommene und unbeschreibliche Integrität der Veranstaltung. All das sind Gründe, die - als ins Alter gekommener Trail- und Ultraläufer - einfach hängen bleiben, sich dem Event, dem Spektakel nun fortan zu verschreiben.

    Das ist die großartigste Sache, die der Trail-Sport kennt. Danke.

    von Denis Wischniewski, Chefredakteur TRAIL-Magazin

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