Flotter Dreier


Nach einer mehrwöchigen Schönwetterperiode mit stabilen, spätsommerlichen Verhältnissen standen unsere Kletterpläne am ersten, langen Oktoberwochenende ziemlich auf der Kippe. Im gesamten Alpenraum war eine Kaltfront angekündigt mit Regen und Schneefall. Wir drei hatten jedoch nur an genau diesem Montag zusammen Zeit.

Wir sind noch nicht da, ihr werdet schon sehen. 

Aus langjähriger Erfahrung heraus, schlug mein Kletterpartner eine Tour an der Martinswand bei Innsbruck vor, da wir dort noch am ehesten auf trockenen Fels hoffen konnten. Meinte er jedenfalls, und berief sich auf die Genauigkeit und Zuverlässigkeit des Agrarwetterberichtes für die Umgebung rund um Zirl. Außerdem gäbe es dort eine Anzahl leichterer Mehrseillängenrouten, von denen wir eine als Dreierseilschaft durchsteigen wollten. Er hatte seiner Hallenkletterpartnerin, die erst zweimal draußen klettern war, eine entspannte Mehrseillängentour mit mir als Dritte im Bunde versprochen.

Während wir schweigend auf die immer dichter werdenden Tropfen auf der Windschutzscheibe starrten, beruhigte uns unser "Initiator" mit den Worten:“ Wir sind noch nicht da, ihr werdet schon sehen.“ Und er behielt Recht. In einer der letzten Kurven auf der Bundesstraße bei Zirl, rissen die schweren, schwarzen Schneewolken auf, und gaben den Blick frei auf einzelne Stellen blauen Himmel. Vor uns lag die südlich ausgerichtete, 600m hohe, beeindruckende Martinswand in strahlendem Sonnenschein.

Im westlichen Teil der Wand liegt die Kaiser-Max Grotte. Der Legende nach suchte Kaiser Maximilian I. dort Zuflucht, nachdem er sich im Jahre 1484 bei der Gämsenjagd verstiegen hatte und von einem Bauernburschen gerettet und ins Tal geleitet worden war. Am Wandfuß sieht man auf dem vorgelagerten Martinsbühel die gleichnamige Burg Martinsbühel, die heute als Kloster genutzt wird, und von der sich der Name des Felsriegels ableitet. Der gesamte Wandfuß der Martinswand ist als Naturschutzgebiet ausgewiesen und ist Teil des Alpenparks Karwendel. Auf dem Parkplatz standen nur noch zwei andere Autos, wir konnten also damit rechnen, heute so ziemlich allein zu sein.

1. Plattig, sonnig, schön. Genußkletterei an der Martinswand. 2. Am Ausstiegsband. Schnell noch die nächsten Routen planen.


Wir zogen die Gurte gleich an, sortierten Karabiner, Schlingen und Sicherungsgeräte, hängten die Helme und die Kletterschuhe an die Materialschlaufen und entschieden uns dafür, nur einen kleinen Rucksack mitzunehmen. Für Trinken, Erste-Hilfe-Set und Platz für die vielleicht zu warm werdenden Fleecejacken. Das Geniale an der Martinswand sind unter anderem die kurzen Zustiege. In einer Viertelstunde waren wir schon da.

Was lag näher, als am 3. Oktober, zu dritt eine Tour mit dem passenden Namen „Flotter Dreier“ auszusuchen. Ich musste jedenfalls herzlich lachen, als ich den Routennamen auf dem kleinen Metallplättchen am Einstieg las.

Der „flotte Dreier“ ist mit 5+ die leichteste Plattenkletterei an der Martinswand. Sie ist sehr gut abgesichert und bietet genug Platz an den Ständen, um auch zu dritt Seilordnung zu halten und bequem stehen und sichern zu können. Um das Allerwichtigste nicht zu vergessen und natürlich, um die grandiose Aussicht auf die umliegenden, weiß angezuckerten Berge auf sich wirken zu lassen. Das einzige Manko war der Autolärm der Autobahn, den ich während dem Klettern aber überhaupt nicht wahrnahm.
Die Schlüsselseillänge ist eine Querung direkt vom Standplatz weg, in der man präzise stehen und an kleinen Griffen greifen muss. Als 6- finde ich sie fast ein bisserl unterbewertet. Wir schlugen ein entspanntes gemütliches Tempo an und genossen die ca. 20 Grad in den 6 Seillängen.Dafür musste man sich beim Abstieg nochmals gut konzentrieren. Die Wand ist schottrig und bietet viele Möglichkeiten, sich zu versteigen. Nachdem mir das selbst schon einmal passiert war, war ich sehr erleichtert, als ich bemerkte, dass der früher kaum markierte Abstiegssteig mit deutlich roten Punkten bis zum ungefährlichen Waldweg durchmarkiert war.

Als wir wieder am Auto zurück waren, lag die Wand schon im Schatten. Auch die Rückfahrt im Stau konnte unsere Freude über diesen gelungenen Herbsttag nicht schmälern.



Text und Bilder: Simone Wegner