Im Licht des Nordens - Teil 2

Ich sitze am Eck des Preikestolen und lasse die Füße zum 604 m tieferen Fjord hinabbaumeln. 

Im Juli ist unsere junge Autorin Marianne einen Monat durch Norwegen gereist. Sie ist eine wahre Norwegen-Expertin und berichtet in zwei Gastbeiträgen von ihren schönsten Trekking-Touren in Mittelnorwegen zwischen Rondane Nationalpark und Dovrefjell. Von Osprey wurde sie dafür mit dem Rucksack Sirrus 36 ausgestattet.

Norwegen ist auch bekannt als Land der Wasserfälle. Dieses Jahr ist das Erlebnis noch intensiver, da durch das Schmelzwasser alle Bäche und Flüße randvoll sind. So auch der Mardalsfossen. Mit einer kompletten Fallhöhe von 655 m ist er der vierthöchste Wasserfall der Welt und absolut furchteinflößend. Eine kurze Wanderung führt direkt zum untersten der zwei Wasserfälle. Dieses Naturschauspiel lässt sich nur von Mitte Juni bis Mitte August bewundern, da das Wasser sonst in ein Kraftwerk abgezweigt wird.

Da kann man sich schon mal klein vorkommen...
Da kann man sich schon mal klein vorkommen...

Die Tage fliegen nur so dahin und mittlerweile habe ich mich an die Helligkeit in der Nacht gewöhnt. Mit dem Auto überqueren wir die Valdresflya, eine Hochebene im Osten des Jotunheimen. Wegen der großen Altschneeflächen hat man das Gefühl, als sei auch hier die Natur erst am Erwachen. Wie die meisten Hochebenen in Norwegen, gibt es hier endlos viele Möglichkeiten durch das Fjell zu wandern. Eine der attraktivsten Touren ist der Besseggen Grat. Von Gjendesheim aus führt der sogenannte Sensengrat auf eine Höhe von 1743 m. Der Grat, der zwei Seen teilt, die jeweils auf unterschiedlicher Höhe liegen, ist eines der beliebtesten Fotomotive Norwegens.    

1. Weite erleben. 2. Die Hochebene Valdresflya.

Unser nächstes größeres Ziel ist der Lysefjord in Ryfylke, östlich von Stavanger, in der Provinz Rogaland. Seinen Namen "heller Fjord" verdankt er den blankgescheuerten Felswänden, die steil zum Wasser hinabfallen. Der schlichte Anblick des Fjordes lässt staunen. Vor dieser Kulisse lädt ganz besonders der Preikestolen zum Wandern ein. Durch Frostsprengung in der Eiszeit entstand diese 25 mal 25 m breite Kanzel, die 604 m über dem Lysefjord hinausragt und senkrecht abfällt. Ein absolutes Highlight!

In aller Früh, damit wir den vielen Leuten, die für gewöhnlich hier hinauf wandern, entfliehen, starten wir an der Preikestolen Fjellstua. Wir legen nur 330 Höhenmeter zurück und erblicken das Plateau. Nebel versperrt die Sicht auf den Fjord und somit in den 604 m tiefen Abgrund, es zieht ein unangenehm kalter Wind. So wirkt die Kanzel relativ klein und unscheinbar. Wir beschließen, es uns an einer Felswand so gemütlich wie möglich zu machen und auf die Sonne zu warten. Das ist in Norwegen wie Lotto spielen.

2518 km voller Abenteuer und Entdeckungen. 2518 km voller einzigartiger Natur und Tierwelt. 2518 km, die ich noch bis zum letzten Zentimeter erleben will. 2518 km Freiheit. Eines ist sicher, wer einmal in Norwegen war, wird immer wieder dorthin zurückkehren.  

Nach zwei Stunden Wartezeit schwindet die Hoffnung - genauso schnell wie unser Brotzeitvorrat. Doch plötzlich hört man, wie die verbliebenen Leute aufgeregt jubeln und wir können es selbst kaum glauben. Von einer Sekunde auf die andere haben wir absolut freie Sicht auf den Fjord. Der Blick ist überwältigend. Ich sitze am Eck des Preikestolen und lasse die Füße zum 604 m tieferen Fjord hinabbaumeln. Dazwischen ziemlich viel Luft. Mit der Sonne kommen auch Menschen; Schon bald ist die Kanzel voller Wanderer, die alle den Ausblick bewundern. Zurück geht es in einer Kolonne, die zum Ende hin fast keine Freude mehr bereitet. Aber nach so vielen tollen Eindrücken ist das nicht schlimm. 

1. Immer farbenfroh... 2. Wer lässt sich denn von dem bisschen Nebel schon aufhalten?

An einem Fjord ist eine Bootsfahrt quasi Pflicht. Und keine Bootsfahrt hat so viel zu bieten, wie eine auf dem Lysefjord. Knapp drei Stunden fährt man den ganzen Fjord entlang. Der Preikestolen von unten gesehen ist ein ebenso atemberaubender Anblick wie der Kjeragbolten, ein Stein der 1000 m über dem Fjord zwischen Felsen eingeklemmt ist. Das Kjeragplateau ist zudem ein beliebter Ort für Basejumper. Kurz vor dem Ende des Fjords, kommt man in Flörli vorbei. Eigentlich gibt es hier nur ein Kraftwerk. Wenn man jedoch genauer hinsieht, erkennt man eine Treppe, die bis zum Gipfel über dem Ort führt. Mit 4444 Stufen, ist es die längste Treppe der Welt.

Wer beobachtet hier wen? Seehunde am Lysefjord.
Wer beobachtet hier wen? Seehunde am Lysefjord.

Die letzten Tage nutzten wir vor allem dazu, das Erlebte zu verarbeiten. Am Besten gelingt das an einem einsamen Strand. Im Süden Norwegens sollte man unbedingt einen Abstecher zum Leuchtturm Lindesnes machen. Es ist Norwegens ältestes Leuchtfeuer und gleichzeitig der südlichste Punkt des Festlandes. Von dort aus sind es 2518 km bis zum Nordkap. 

1. Der Leuchturm von Lindesnes. 2. An der Südküste. Irgendwie wie Korsika... nur kühler.

2518 km voller Abenteuer und Entdeckungen. 2518 km voller einzigartiger Natur und Tierwelt. 2518 km, die ich noch bis zum letzten Zentimeter erleben will. 2518 km Freiheit. Eines ist sicher, wer einmal in Norwegen war, wird immer wieder dorthin zurückkehren.

Teil 1 verpasst? Hier geht´s hin.


Text und Fotos: Marianne Scheifl