Island - Unterwegs im rauen Süden

 

Seit einem Tag und einer Nacht steht unser Zelt jetzt auf dem Campingplatz am Skogarfoss. Keine nennenswerte Änderung in Sicht, es regnet und wird immer kälter. Einige sagen auf der Passhöhe liegt ca. ein Meter Neuschnee. Entscheidung gefällt, wir schieben das Endziel unserer Reise nach vorne! In der Nähe gibt es einen kleinen Flughafen, direkt an der Küste. Nichts wie hingetrampt! Mittags fliegt uns eine kleine, recht alte Maschine gemeinsam mit einer Jugend-Fußballmannschaft auf die trockenen Westmännerinseln.


Der Pilot schickt uns prompt zum falschen Campingplatz, das stellen wir leider erst fest als das Zelt steht - an einem Sportplatz, neben der Jugend-Fußballmannschaft, die sich hier zu einem Turnier mit sämtlichen Jugendmannschaften Islands trifft. Flucht!!! Einer vorne, einer hinten das aufgebaute Zelt am Stück ca. 1 km über die Inselstraße getragen und das Ziel ist erreicht…  Abends geht es noch auf eine kleine Erkundungstour und wir folgen einem schmalen Wiesenpfad über einen steilen Hang auf die Klippen.


Oben auf dem Grat erwartet uns ein unbeschreibliches Panorama. Die Seeseite fällt in einer schroffen, von kleinen und großen Felstürmen und Zacken durchsetzten Wand ab und unten brechen die Wellen des Nordmeeres an einem Felstor. Unzählige Möwen und die possierlichen Papageientaucher fliegen über und unter einem und segeln im allgegenwärtigen, rauen Wind. Zurück am Zelt meldet sich ein abendlicher Schauer an, aber am kommenden Morgen herrscht strahlender Sonnenschein. Es ist Ende Juni, dunkel wird es ohnehin die ganze Nacht nicht – es dämmert lediglich zwischen 0:00 und 2:00 Uhr. Komisches Gefühl…

Auf unserer ersten Tour wandern wir die Westküste entlang. Heimaey, die Hauptinsel,  ist klein, doch die Landschaft verändert sich ständig. Klippen, ausgewaschenes Gezeitengelände und schwarzer Strand. Unterwegs treffen wir auf ein schauerliches Bauwerk. Auf einem alten Holzgerüst hängen zigtausende Fischköpfe zum Trocknen in der Sonne und starren uns aus halbleeren Augenhöhlen an.

Die gegenüberliegende Küste zeigt ein vollkommen anderes Gesicht. Hier ist die Insel jung. Der Ausbruch des Vulkans Eldfell 1973 hat die Landmasse deutlich vergrößert. Heute ist hier ein dunkles, teils bereits mit dickem Moos bewachsenes Lavafeld, welches durch den vereinzelt aufsteigenden Dampf sehr urzeitlich anmutet. Im Norden ragen die zwei steilen Klippen in den Himmel. Diese lassen sich recht vollständig begehen, allerdings ist gute Orientierung und eine anständige Portion Trittsicherheit von Vorteil, um sich ca. 200 Meter über dem Meer auf den Graten und schmalen Schafpfaden noch wohl zu fühlen. Der Blick auf die umliegenden Inseln entschädigt dann aber für fast alles.

Drei Tage später ist  Heimaey recht weitläufig erkundet, das Wetter erscheint vielversprechend und wir beschließen, unsere geplante Trekkingtour, den Laugavegur, auf´s Neue in Angriff zu nehmen, allerdings in etwas verkürzter Form. Wir starten direkt in Thorsmörk.

Auf dem Laugavegur 

Das Tal hinter den Gletschern Eyafjalla- und Myrdalsjökull zeigt sich bei Ankunft von seiner sonnigen und warmen Seite. Untermalt vom würzigen Duft der knorrigen Birkenwälder kriechen wir  nach einem herrlichen Sonnenuntergang in unsere Schlafsäcke.

Irgendwann mitten in der Nacht hat es stark geregnet. Um neun gehen wir unter Wolken verhangenem Himmel los. Nachdem die Birkenwälder enden stehen wir vor einer Premiere, der erste Fluss, Prönga, ist zu furten. Durch den Regen der vergangenen Nacht, sollte dies der tiefste im Verlauf der Tour werden. Auch die Strömung wird nicht mehr so reißend sein wie hier. Obwohl wir uns eine Stelle mit drei Flussarmen suchen wird unseren Wanderstöcken alles abverlangt! Es ist schwer, sich auf den Beinen zu halten und das eiskalte Gletscherwasser schwappt mir bis an die Oberschenkel. Meine Frau muss ihre Hose komplett ausziehen um nicht völlig durchnässt anzukommen. Nach dieser Hürde verlaufen die nächsten Kilometer sehr angenehm. Der Weg zieht sich eben an der Schlucht des Markarfljót entlang. Nach halber Strecke setzt zuerst Regen, später Sturm ein. Auf der Anhöhe Sandar setzen wir uns im Windschatten hinter ein paar einigermaßen trockene Felsen für eine kurze Rast, als plötzlich eine Gestalt durch den Regen kommt. Auf dem Rücken ein Rucksack der ungefähr zwei Drittel kleiner ist als unsere, in der einen Hand eine Sporttasche, in der anderen eine Plastiktüte, schlendert ein junger Mann auf uns zu. Er lässt sich auf einen trockenen Platz und Erdnüsse einladen und stellt sich als Maxime aus Frankreich vor. Er hat sich spontan zu der Tour entschieden. Gemeinsam setzen wir unseren Weg fort in Richtung Botnar, unserem ersten Etappenziel. Die Nacht ist nass und stürmisch und irgendwann trägt der Wind wüste, französische Flüche herüber. Maximes Zelt ist quasi „gestorben“ und hat sich über ihm zusammengefaltet.

Tags darauf lernen wir in der schwarzen, kargen Hochlandwüste Emstrur noch Jan aus Kiel kennen. Wir vier sollen die einzigen bleiben, die den Weg in dieser Richtung gehen, die meisten gehen ihn Richtung Süden (das bedeutet für uns Ruhe und Einsamkeit). Abends, am See Alftavatn, erzählt der Hüttenwirt, ein fröhlicher Engländer, das Wetter wäre am nächsten Tag noch stabil, dann wird es wieder schlechter und er warnt uns vor Nebel im Hochland. Wir sitzen noch recht lange am Ufer, genießen eine erste Aussicht auf die bunten  Rhyolithberge, über die uns die nächsten zwei Etappen nach Landmannalaugar führen werden und beschließen, es Maxime und Jan gleichzutun und den Rest an einem Stück zu gehen. Irgendwann treiben uns die Mücken und aufziehende Kälte ins Zelt.


Tags darauf brechen wir sehr früh auf, der letzte zu querende Fluss lässt sich trockenen Fußes auf einer Schneebrücke überwinden, dann beginnt der Aufstieg. Steil! Sehr steil! Oben angekommen findet man sich in einer anderen Welt wieder. Rings herum leuchten die Berge in allen Erdtönen und überall dampft, brodelt und zischt es zwischen ausgedehnten Schneefeldern heraus. Nach einigem auf und ab durch diese Urlandschaft, vorbei an recht geruchsintensiven heißen Schwefelquellen, beginnt das Schneefeld der Hochebene. Auf der anderen Seite sehen wir schon von weitem die Hütte am Hrafntinnusker, dem höchsten Punkt der Tour. Die Sonne brennt auf den Schnee, der bei diesen Temperaturen alles andere als angenehm zu überqueren ist, bei jedem Schritt sinkt der Fuß in die sulzige Masse ein. Total erschöpft erreichen wir die Hütte. Eine Stunde später sind die Kraftreserven wieder aufgefrischt, Zeit für den Abstieg.

Auf der gegenüberliegenden Passseite zieht der befürchtete Nebel auf. Die Schwaden sind nicht besonders dicht und die tief stehende Sonne verwandelt die Umgebung in ein surreales silbernes Licht. Man sieht vielleicht zehn Meter weit, die Wegmarkierungen sind kaum zu entdecken, lediglich vereinzelte Fußspuren im Schnee. Auf den Geröllfeldern fehlt jegliche Orientierung, hier werden wir mehrmals gezwungen anzuhalten, und auf kleine Lücken im Nebel zu warten. Vorbei  an etlichen heißen Quellen kommen wir langsam in tiefere Gefilde und es klart wieder auf. Der Blick zurück ist unglaublich. Gelb-rote Berge so weit das Auge reicht, gescheckt mit strahlend weißen Schneefeldern und obenauf wattiert mit einer dünnen Wolkenhaube. Nach einem recht gemütlichen Abschnitt über die sanften Grate der Berge folgt ein kurzer steiler Abstieg in das Lavafeld der Brennisteinsalda. Die Durchquerung von diesem zermürbt uns völlig, wir haben keine Augen mehr für die skurrilen Obsidianstrukturen, als wir plötzlich aus dem erstarrten schwarzen Gebilde herausstolpern und auf dem Campingplatz stehen. Wir sind am Ziel unserer Reise angekommen:

Landmannalaugar!

Um die Hütten erstreckt sich eine riesige Zeltstadt, es ist nicht einfach Jan, der schon eine Stunde vor uns startete zu finden. Wir trinken noch ein abschließendes gemeinsames Bier und kriechen in unsere Zelte.

Am nächsten Vormittag werden die geschundenen Rücken und Füße zuerst einmal in den heißen Quellen kuriert, die tatsächlich wahre Wunder bewirken. Nach der Ruhe der letzten Tage fällt es schwer, sich an den Trubel und die Touristengruppen im Tal zu gewöhnen, also steigen wir recht bald in den Bus, auf der Suche nach dem nächsten Fleckchen Einsamkeit........ 

Nützliche Infos 

Anreise: Für EU-Bürger nur gültiger Reisepass oder Personalausweis nötig. Mittlerweile recht günstige Flüge für Frühbucher, wer mit dem eigenen (geländegängigen!!) Auto anreisen will, kann dies von Dänemark mit der Fähre (ca. 5 Tage). Transfer vom Flughafen Keflavik nach Reykjavik (zum gewünschten Zielort) mit dem Flybus. Touristen sind sehr gerne gesehen, die Isländer außerordentlich freundlich und hilfsbereit.

Unterkunft & Mobilität: Auf ganz Island findet sich entlang der Küste ein ausgeprägtes Netz an Campingplätzen, Hostels und Privatunterkünften, wo man in der Regel sehr gute Informationen für den weiteren Verlauf der Reise bekommen kann. An den klassischen Trekkingrouten sind oft Schutzhütten, die von Mitte Juni bis Mitte September geöffnet haben, für Verpflegung hat man dort selbst zu sorgen (Vorreservierung ratsam). Fahrten entlang der kompletten Südküste lassen sich in Reykjaviks Busterminal (BSI) buchen. Die Westmännerinseln erreicht man entweder mit der Fähre von Porlakshöfn oder mit dem Flugzeug in 6 Minuten (!) von Bakki, 40 Minuten westlich von Skogar (nicht mit dem Bus zu erreichen).

Bergsport: Island ist für Trekker, Bergsteiger und Mountainbiker hervorragend gerüstet. Es gibt bestens markierte Routen auf denen man auch etliche Schutzhütten des Isländischen Wandervereins findet, sowie etliche regionale Bergschulen mit vielseitigen Angeboten. Wer sich auf eigene Faust in die weglosen Gebiete des Hochlands begibt, sollte sehr erfahren und für komplette Selbstständigkeit ausgerüstet sein.

Gefahren: Das isländische Wetter kann sehr schnell und heftig umschlagen, auch im Sommer sind Wetterstürze und Schneefall möglich.  

Wanderkarten: Am besten direkt in Reykjavik in der Laugavegur, oder evtl. am Campingplatz kaufen.