Kriegsjahre - Münchens Zentrum in Trümmern

Die Geschichte des Sporthauses ist eine Erfolgsgeschichte, auf die wir allesamt sehr stolz sind. Aber wir wollen auch die finsteren Zeiten nicht vergessen, die wir durchzustehen hatten - die Kriegsjahre. Mein Vater Gustl hat 1970 auf Tonband seine Erinnerungen an das Jahr 1945 aufgezeichnet, als er, in Genesungsurlaub nach einem Fallschirmabsprung aus seinem brennenden Flugzeug, in München Zeuge der fast völligen Zerstörung des Familienunternehmens wurde:
„Auf der Fahrt in die Stadt, am Morgen nach dem größten Angriff auf die Münchner Innenstadt Anfang Januar, waren die Straßen übersät mit Ruinen, Ziegeln und Dreck. Rauch und Flammen schlugen uns aus allen Häusern entgegen. Man konnte keine 50 Meter weit sehen. Wie wir unser Haus dann fanden, war es in seinen Außenmauern noch intakt, aber innen war alles ausgebrannt. Die Schaufenster waren nur noch zwei riesige Glasbatzen, die Tresore und Registrierkassen große Eisenklumpen. Die Wände leuchteten gespenstisch Weiß. Die Hitze hatte sogar den eigenen Ruß wieder aufgefressen.“
Für nur noch einige Monate musste der Fernaufklärer-Feldwebel Schuster wieder „antreten“ und der ihm angewiesenen Einheit praktisch hinterherreisen, weil die deutschen Truppen von den immer näher rückenden Alliierten auf immer kleinerer Fläche „zusammengeschoben“ wurden. Wo es noch Flugzeuge gab, gab’s kein Flugbenzin mehr, und wo noch Treibstoff zur Verfügung war, waren Start und Landebahnen vollkommen zerstört.
Nach einer wilden Odyssee kreuz und quer durch die immer kleiner werdenden unbesetzten „Inseln“ schaffte es der 24-jährige Gustl, sich in den letzten Kriegstagen in der Nähe von Tölz „in die Büsche zu schlagen“ und so - auf einem „requirierten“ Radl – lebend nach Hause zu kommen, ohne in Gefangenschaft oder in die Hände der letzten Unbelehrbaren zu geraten.
Was tun, wenn man vor den Ruinen des Lebenswerks steht?
„Wir wussten, wir müssen wieder ganz von vorne anfangen. Mein Vater (August Schuster) war schon 62 Jahre alt, aber er rief dennoch wieder mit viel Mut seine Belegschaft zusammen. Wir bekamen ein Ausweichquartier unten am Anger. Waren gab es ja fast keine.“
Ein schwieriges Kapitel in der Betrachtung des Hauses Schuster. Das Sporthaus August Schuster in den Händen eines „Treuhänders“:
August Schuster war während des Dritten Reichs Parteigenosse. Nach den Erzählungen, an die ich mich erinnern kann, war er ein ambitionierter Reiter und ohne Parteibuch „hättest du kein Pferd bekommen.“
Wenn ich mir allerdings Texte aus seiner Feder anschaue, seien es Berichte von Betriebsfeiern oder Texte aus den damaligen Katalogen, dann muss ich feststellen, dass dort unschwer eine gewisse Begeisterung für die deutsche Jugend, deren krupp’sche Stahlhärte, ledrige Zähigkeit und windhund-hafte Schnelligkeit herauszulesen ist.
Sicher sind das Eigenschaften, die – etwas anders formuliert – auch heute jedem leistungsorientierten Sportler zuzuschreiben sind, aber als völlig „unbelastet“ würde ich in Kenntnis dieser Äußerungen meinen Großvater weder einschätzen, noch bezeichnen wollen.
Allerdings weiß ich auch aus kritischen Bemerkungen in der Familie von keiner einzigen Begebenheit, die ihn mir als einen überzeugten Nazi, oder auch nur als einen politischen, politisierenden Menschen würde erscheinen lassen.
Er wurde – wohl zu Recht – von einer Entnazifizierungs-Kommission als „Mitläufer“ eingestuft.
Diese Mitläuferschaft meines Großvaters, und ich empfinde sie als einen Makel und beileibe nicht als eine lässliche Sünde oder gar einen „Ausrutscher“, führte dazu, dass in der Nachkriegszeit von der amerikanischen Besatzungs-Macht im Sporthaus Schuster ein Treuhänder eingesetzt wurde, um so das Haus in eine zivilisierte, unbelastete, demokratische Zukunft zu führen.
Ich weiß heute, dass in der Firma Sport Münzinger ebenfalls ein Treuhänder, Salo(mon) Blechner, installiert wurde und dass Hermann Münzinger sich anlässlich dessen Abschieds aus der Funktion tief bewegt bedankt hat, für die Gerechtigkeit, für das Verständnis und für das Augenmaß, mit dem Herr Blechner das Schicksal der Firma in Hände der beiden Münzinger-Söhne Heinz und Alfred gelegt hatte. (So hat Herr Blechner noch heute auch meinen großen Respekt.)
Nicht so im Hause Schuster. Der dortige „Treuhänder“ sah seine Aufgabe anders: Anstatt das ihm „zu treuen Händen“ Anvertraute sorgfältig zu verwalten, versuchte er mit aller Macht, sich der beiden Kinder und Nachfolger des Firmengründers zu entledigen, sie aus dem Haus zu drängen und sich in den alleinigen Besitz des Sporthauses Schuster zu bringen.
Dem 23-jährigen Gustl Schuster und seiner Schwester Lissi wurde unter fadenscheinigen Gründen das Arbeitsverhältnis in der Firma ihrer Familie gekündigt. Das war dann der Zeitpunkt, als mein Vater einem Besatzungs-Beamten von der misslichen Lage der beiden Nachkommen berichten konnte und dieser Verständnis dafür zeigte, dass ein über 30 Jahre altes Familien-Unternehmen nicht so einfach „gekapert“ werden durfte.
Noch Jahre später hat er es versucht und z.T. auch geschafft, für seinen eigenen Laden langjährige – vermeintlich treue – Schuster-Mitarbeiter abzuwerben, den Schuster bei Lieferanten anzuschwärzen und diese zu bedrohen, wenn sie weiter zum Schuster standen.
Nach dem Krieg musste das Sporthaus Schuster noch viele schwierige Situationen durchleiden. Das Geschäft lag darnieder und aber ganz, ganz langsam regte sich in den Trümmern der Stadt wieder das Leben. Die meisten Menschen lebten zwar von einem Tag auf den anderen und waren froh, wenn sie etwas Warmes zu essen und ein Dach über dem Kopf hatten, es gab damals aber auch einen Oberbürgermeister, der tatsächlich noch wirklich hinlangte: Thomas Wimmer – er hat das „Rama dama“ „erfunden“...
Die Millionen Tonnen Bombenschutt mussten „wegg’ramt“ werden (Lektion 1: rama hat also nichts mit fernöstlichem Glauben oder Margarine zu tun, sondern mit räumen). Und man musste anpacken „nacher damer’s halt!“ (Lektion 2: dama = bayerisch für tun wir). Der OB Wimmer und die Trümmerfrauen, (und - wie man heute weiß, etliche NS-Belastete) griffen zur Schaufel. Mein Vater gab damals den Arbeitenden Weißwürscht aus – davon gibt es ein berühmtes Foto.
Um die Rosenstraße entwickelte sich schon bald ein reges Treiben, alles war voll mit Verkaufsstandln, von der Wurstbraterei bis zum Vogel-Jakob, der bald schon wieder ein lustiges Lied pfiff. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit war in dieser Zeit stark ausgeprägt, die Not und der Glaube an  eine bessere Zukunft ließ alle näher aneinanderrücken.