Lawinenairbag Rucksack: Systeme, Funktion und Unterschiede

 
Für den Freerider gibt’s nichts Schöneres und gleichzeitig nichts Beängstigenderes als einen frischen Powderhang. Das Herz pocht hoch, bis in den Skihelm und doch muss der Kopf gerade hier besonders klar sein. Die Sicherheitsausrüstung ist im Abseits natürlich ein Muss. Und die maximale Sicherheitsvorkehrung neben der LVS-Ausrüstung ( LVS Gerät, Schaufel und Sonde ) ist der Lawinenairbag Rucksack  – eine Garantie, nicht verschüttet zu werden, ist er aber keineswegs ! Inzwischen gibt es mehrere Varianten von Lawinen-Airbag-Systemen auf dem Markt. Christian Stangl ist bei uns im Hause der absolute Sicherheitsexperte und gibt hier schon einmal eine erste Orientierung.
 
Christian, wie viel wissen die Kunden über Lawinen-Airbag-Packs?
Es herrscht noch deutlicher Aufklärungsbedarf. Viele haben ein oft gefährliches Halbwissen und das kann gerade bei einem solchen Sicherheitsthema kritisch sein. Ein Beratungsgespräch dauert in etwa eine Stunde und die brauchen wir meist auch.
Was sind denn die ersten Punkte, die geklärt werden müssen?
Es geht mit einer Bedarfsanalyse los. Die erste Frage der Kunden lautet meistens: Welches System ist das bessere?
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Welches System ist denn nun das richtige für mich?[/caption]
Und Deine Antwort darauf?
In Sachen Sicherheit sind sie alle sehr ähnlich. Es gibt keine tragfähige Beweisführung, die den Schutz des einen über den des anderen stellen würde.
Vielleicht vorab noch einmal: Von welchen unterschiedlichen Systemen sprechen wir hier?
Von dem Einkammersystem, wie wir es beim Mammut/Snowpulse System haben, über die ABS®-Variante mit zwei voneinander getrennten Airbags und dem Jetforce-Modell, welches ohne Hochdruck Patrone auskommt.
Hier eine Kurzzusammenfassung:
- ABS® ist das am längsten auf dem Markt existierende System. Der Erfinder, Peter Aschauer hatte das Patent über 20 Jahre und jetzt sind Rucksackhersteller wie Deuter, Ortovox, evoc und Dakine seine Lizenznehmer. Mit einer Auslöseeinheit, bestehend aus einem Griff mit einer kleinen Sprengkapsel und einer Hochdruckpatrone ( 300bar Stickstoff ) werden hier zwei Airbags mit jeweils 85 Liter Volumen links und rechts vom Körper aufgeblasen.
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Der Griff wird bei ABS in das Zugkabel gesteckt.[/caption]
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Ortovox arretiert den ABS Griff beim Transport mit einer zusätzlichen Schnalle.[/caption]
- Mammut setzt bei seinem System auf zwei unterschiedliche „Mono-Airbags, das R.A.S. System ( Airbagform wie ein „Kopfkissen“ ) und das P.A.S. System ( Airbagform wie eine „Schwimmweste“ ) welche sich über dem Kopf aufblasen. Man zieht an einem Griff, die Druckpatrone wird durchstochen und das Gas ( 300bar Stickstoff ) – sowie zusätzliche Umluft, die eingesaugt wird – füllt den Airbag.
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Bei Mammut lässt sich der Griff auf Knopfdruck querstellen und ist dann gebrauchsfertig.[/caption]
- Das Jetforce-System (eingesetzt bei Black Diamond) kommt ohne Hochdruckpatrone aus und arbeitet mit einem elektrisch ( Litium-Ionen Akkupack ) betriebenen Industriegebläse. Es füllt in 3,5 Sekunden einen Airbag mit 200 Litern. Einer der großen Vorteile ist, dass man es so oft man will auslösen, also problemlos üben kann. Mit einer Akku-Ladung kann man bis zu vier mal auslösen. Hat man eine Fehlauslösung, ist der Airbag noch weitere drei Mal einsatzbereit. Und: Hochdruckpatronen kann man ( in den USA ) nicht im Flugzeug mitnehmen, das Jetforce-System jedoch schon.
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Black Diamond hat einen massiven Griff, der nicht quergestellt wird.[/caption]
 
Was sind für Dich die entscheidenden Kriterien bei der Wahl?
Rechtshänder oder Linkshänder... Ein Mammut-Modell kommt für Linkshänder nicht in Frage da man den Griff nur mit der rechten Hand ziehen kann.
Gut, dass lässt sich recht eindeutig klären. Und dann?
...geht es dann um den Einsatzbereich: Freeride oder Skitour. Ein Tag oder mehrere Tage. Bin ich ein Asket oder habe ich eher mehr dabei etc. So kann man schon einmal bei der Größe die Auswahl eingrenzen. Die Passform ist dann wie immer bei den Rucksäcken ausschlaggebend. Leicht bedeutet nicht unbedingt bequem. Man muss die unterschiedlichen Modelle ausprobieren. Wir haben jedes mit 10 kg vorgepackt hier, damit man das tatsächlich mal zu spüren bekommt, wie es draußen im Einsatz werden wird.
Dann gibt es noch unterschiedlich variable Rucksäcke?
Genau und auch das ist entscheidend bei der Wahl. Das Mammut-System ( R.A.S. und P.A.S. ) kann ich herausnehmen und in die anderen, vorbereiteten Modelle einbauen, die auch ohne Airbag- Vorrichtung erhältlich sind. So kann ich vom 15 Liter bis zum 45 Liter Rucksack mit einem System variieren. Das geht auch bei Ortovox, die als einzige das ABS-System so verbaut haben, dass es herausnehmbar ist. Und ansonsten gibt es noch die ABS-Vario Option: auf die Powder oder Vario Base Unit mit ABS- und Tragesystem wird auf den Packsack gezippt, wie bei den Zip-On Modellen von evoc oder Dakine.
Gibt es auch eine praktische Übungseinheit bei Dir?
Wer bei uns einen Lawinenairbag Rucksack kauft, mit dem machen wir im Laden eine Probeauslösung. Das ist sehr wichtig, damit man zumindest einmal den Ablauf durchgeht und ein Gefühl für die Auslösung entwickelt. Diese Test- oder Trainingsauslösung sollte jeder Airbag Nutzer jährlich wiederholen, um den Ablauf zu verinnerlichen und auch sein funktionsfähiges System in Aktion zu sehen ( Tipp Sporthaus Schuster ) !
Liegt Dir sonst noch etwas am Herzen?
Der wichtigste Punkt: Wirklich jeder muss verstehen, dass er mit einem Lawinenairbag-System ein enorm wichtiges Sicherheitsprodukt auf dem Rücken trägt, das Leben retten kann, aber keineswegs eine Garantie ist! Er ersetzt die Lawinenkunde, das sorgfältige Lesen des Lawinenwarnberichts und die Sicherheitsausrüstung ( LVS Gerät, Schaufel, Sonde ) nicht, er ist eine Ergänzung. Niemals, niemals fahrlässig oder übermütig werden. Da darf sich im Kopf kein Schalter in Richtung Risikofreudigkeit umlegen.
Absolut! Und natürlich sollte auch immer und jedes Jahr aufs Neue der Umgang mit dem Equipment geübt werden.
Ortovox hat hier unter anderem auch ein super Trockentraining zusammengestellt: Unter http://www.ortovox.de/safety-academy-lab/avalanche-basics sind die wichtigsten Infos und Verhaltensregeln super aufbereitet – genauso wie die Schulungsvideos unter https://www.youtube.com/user/ortovox/videos!