Natural Running – Reduktion aufs Wesentliche!

Es ist die Entwicklung schlechthin im Laufschuhbereich der letzten Jahre: Reduktion! In Sachen Gewicht, in Sachen Stütze und in Sachen Dämpfung. Klingt nach einfachen Schuhen? Ist aber nicht so! Die Natural-Modelle sind extrem technisch und das Ergebnis intensiver Tüftelei. Der Nike Free 5.0 hat seit seiner Premiere vor zehn Jahren eine richtige Welle losgetreten. Unser Experte Dominik Waldleitner sagt, was hinter und in dem Trend steckt.


Der Trend zum Natural-Schuh ist nicht mehr zu übersehen. Aber wie kam es überhaupt dazu?


In den 80er Jahren gab es ja diese allgemeine Tendenz zu, naja, möglichst viel von allem. Dick auftragen. Ich erinnere nur an die Schulterpolster... So ähnlich war es im Laufschuhbereich damals auch. Man dachte, mehr sei gut und man könne durch ausreichend Stabilisierung und Dämpfung einer Gelenkschädigung vorbeugen, die das Laufen angeblich mit sich bringt. Der Schuh sollte den Fersenaufprall abfedern und beim Abstoßen den Fuß führen.


Und das war eine Fehlannahme?


Ja, die Untersuchungen sind heute einen guten Schritt weiter und man weiß, dass oft genau das Gegenteil der Fall ist. Das beginnt bei der Sorge, dass Laufen ein ungesunder Sport sei. Das ist keineswegs so. Beispiel Arthrose: Durch das Laufen wird das Risiko nicht erhöht, sondern gesenkt – Übergewicht ist das große Problem bei dem Verschleiß. Bewegung ist essentiell, denn sie versorgt die Gelenke mit Nährstoffen. Beim Laufen werden die Knorpel zusammengedrückt und gedehnt – so kommt Sauerstoff ins Gelenk und Abfallprodukte werden abtransportiert.


Die Angst vor Verschleiß durch Laufen ist also ein Mythos – was bedeutet das für die Laufschuhkonstruktion?


Das man inzwischen eben auch weiß, dass die dicken, weichen Schuhe mehr belasten als entlasten. 2009 kam eine wichtige Studie heraus (Kerrigan et al.), die das unterstreicht: Durch die Stabilisierung wird der Bewegungsablauf im Gegensatz zum Barfußlaufen derart verändert, dass Hüfte und Knie deutlich mehr belastet werden. Nur das Fußgelenk wurde entlastet. Ein Problem: Die Schuhe wurden einfach zu hoch. Man spricht von hoher Sprengung, also dem Höhenunterschied zwischen Vorfuß und Ferse. Das führt unter anderem auch zu einer Verkürzung bzw. Schwächung der Wadenmuskulatur. Das kann wiederum zu Problemen mit der Achillessehne und einigem mehr führen.


Und das heißt jetzt umgekehrt: flacher und weniger ist mehr?


Genau! Allerdings gibt es auch hier die unterschiedlichsten Varianten. Ein Natural-Schuh ist nicht einfach nur ein Fußüberzieher. Qualitativ gute Schuhe sind extrem technisch. Der Asics Gel-Super J33 ist beispielsweise ein superleichter Schuh, der sich aber auch für Läufer eignet, die leicht überpronieren.


Was zeichnet einen Natural-Laufschuh aus?


Eben eine niedrigere Sprengung sowie geringes Gewicht. Der Asics Gel-Lyte 33 3 wiegt unter 200 g und hat eine Sprengung von 6 mm (gegenüber den alten Modellen mit 12-15 mm). Übrigens auch ein Schuh, der sich für Läufer eignet, die leicht überpronieren. Gleichzeitig sind die Sohlen der Natural-Modelle dünn und sehr flexibel. Der Nike Free 5.0 kommt in dieser Saison mit einer neuen Wabenkonstruktion.


Wem empfiehlst Du denn den Natural-Schuh?


Im Grunde jedem, der häufiger läuft. Allerdings nicht als Erst-Schuh. Auf die minimalistischen Schuhe muss man sich erst einmal einstellen bzw. umstellen. Und das dauert seine Zeit. Der Körper übernimmt wieder die Aufgaben, für die er auch gebaut ist, aber das muss man sich zunächst antrainieren. Deshalb empfehle ich ihn als Zweitschuh, mit dem man sich zum Start auf kleine Runden begibt und diese dann Schritt für Schritt ausweitet. Beim Natural Schuh gilt immer: Er ersetzt nicht meinen Laufschuh, sondern ist als Ergänzung zu sehen. Außerdem sind sie extrem bequem und meist sehr modisch – also perfekt für den Alltagseinsatz. Und da trainieren sie den Fuß genauso. Das ist eine Möglichkeit, ohne zusätzlichen Zeitaufwand etwas Gutes für die Bewegungsfähigkeit des Fußes zu tun...