Seil frei für Edelrid

September ist’s, Zeit für die perfekten Klettermonate. Aber gibt es das ideale Allzweck-Kletterseil? Kann ich ein Seil waschen? Und wann ist es Zeit für ein Neues? Um diese und ein paar andere häufige Fragen zu beantworten, haben wir bei Philippe Westenberger, Produkt Manager im Bereich Sport beim Allgäuer Seilspezialisten Edelrid, nachgefragt. 9 Fragen rund um’s Seil.

Servus ins Allgäu, Philippe. Welche „Bausteine“ hat ein Seil?

Im Wesentlichen besteht ein Seil aus Kern und Mantel.* (*Edelrid hat dieses Prinzip übrigens 1953 erfunden.)
Die Kernfäden im Inneren tragen die meiste Last, auch der Mantel drumherum trägt Last, dient aber hauptsächlich zum Schutz des Kerns. Seile bis zu einer Länge von 100m haben außerdem eine Mittenmarkierung. Und damit nachvollziehbar bleibt, in welchem Jahr ein Seil gefertigt wurde, arbeiten wir in jeden Seilkern einen jährlich anders bunten Faden ein. Somit erkennen wir unsere Seile auch dann, wenn sich das Tape mit den Produktinfos am Seilende gelöst hat.

1. Auf das Seil muss einfach Verlass sein. 2. Philippe Westenberger

Und wie setzen sich Kern und Mantel zusammen?

Grundsätzlich werden die Seile aus Polyamid gefertigt. Die kleinsten sichtbaren Komponenten sind zunächst Fasern, die zu einem Garn verdreht werden. Mehrere Garne ergeben einen Zwirn. Für Sportseile werden mehrere Garne miteinander verzwirnt, das sorgt für Dynamik und Abriebfestigkeit.

Wie viele Garne, wie genau miteinander verdreht werden, hängt vom Seiltyp ab. Das Profi-Seil Swift beispielsweise besteht aus 300 Garnen. Damit das Seil nicht krangelt, sprich sich verdreht, werden Zwirne links oder rechts herum gedreht und dann bei der Seilfertigung entsprechend gemischt.

Wie viele verschiedene Seilmodelle produziert Edelrid?

Aktuell produzieren wir 23 dynamische Seilmodelle und 15 statische Seilmodelle. Dazu gibt es unterschiedliche Farben und Ausrüstung und Sonderaufträge, vor allem für die Industrie. Daneben produziert Edelrid auch Schnüre, zum Beispiel für Gleitschirme oder, mal ganz anders, für Kegelhalterungen auf Kegelbahnen (lacht).


Zwischen welchen Seiltypen wird unterschieden?

Generell unterschiedet man zwischen drei verschiedenen Seiltypen: Einfachseil für klassisches Sportklettern in der Halle und am Fels, Halbseil für den Gebrauch bei alpinen Unternehmungen wie beispielsweise Houchtouren (geringerer Durchmesser, in der Regel aber robuster und stärker, für Einzelbelastung genormt) und Zwillingsseil für den Einsatz beispielsweise bei alpinen Mehrseilrouten (wie der Name sagt werden hier immer zwei Seilstränge in eine Sicherung gehängt).

Gibt es das „perfekte“ Seil zum Sportklettern für draußen und drinnen?

Will ich ein Seil für alles haben, funktioniert das natürlich, ist aber nicht optimal. Warum? In der Halle reichen meistens 30 bis 40m Seillänge, draußen ist man mit 70m in der Regel auf der sicheren Seite. Wer mehrheitlich in der Halle klettert, sich aber zwecks „Allround-Gedanken“ ein 70m Seil zugelegt hat, der sollte im Hinterkopf haben, dass sich durch die generell eher kurzen Hallenrouten das Seil einseitig abnutzt, da nur rund die Hälfte der Seillänge verwendet wird. Dadurch können im Seil Verschiebungen auftreten die das Seil-Handling beeinflussen.

Als guten Allroundkompromiss kann ich das Schusterseil mit 9,8mm Durchmesser empfehlen. Je dicker das Seil, desto länger hält es und ist leichter im Umgang beim Sichern als dünnere Seile. Als robustes Seil für draußen empfehle ich das Heron Pro Dry mit 9,8mm Durchmesser. Für Ambitionierte gibt es das Swift 8,9mm.

Was tun bei Schmutz und Nässe?

Ganz wichtig: Seilsack nicht vergessen! Auf Dauer wird es das Seil danken. Und wenn das Seil einmal nass geworden ist, wird es am besten zum Trocknen ausgelegt und nicht gehängt, damit sich die Materialien nicht verdrehen können. Ein Seil sollte auch nicht in die pralle Sonne gelegt werden, weil Hitze und UV-Strahlen das Polyamid angreifen.

Ihre Tipps zur Seilpflege?

Ganz wichtig: Seile kühl, trocken und UV-Licht geschützt lagern und am besten liegend und ohne etwas darauf zu stellen.
Außerdem haben Seile und Chemikalien nichts miteinander verloren.

Seile können gewaschen werden, wenn sie einmal arg verschmutzt sind. Denn Dreck bedeutet Reibung an den einzelnen Seilfasern und beschleunigt den Verschleiß. Waschen geht am besten in einer Badewanne mit lauwarmem Wasser oder im Schonwaschgang (ohne Schleudern!) bei 30 Grad in der Waschmaschine.

In jedem Fall ist wichtig, das Seil regelmäßig unter die Lupe zu nehmen, auch wenn es „erst“ ein Jahr alt ist.


Kann man von der klassischen Lebensdauer eines Seils sprechen?

Das ist sehr schwer zu sagen: Bei optimaler Lagerung und nicht-Nutzung hält ein Edelrid-Seil 12 Jahre. Aber ein Seil wurde ja zum Gebrauch gemacht und ab diesem Zeitpunkt beeinflussen die unterschiedlichsten Faktoren die Lebensdauer: Art der Nutzung, Intensität, Stürze, Sicherungsmethode u.v.m...

Was im Industriebereich und zunehmend auch in Kletterhallen gang und gäbe ist, nämlich sicherheitsrelevante Ausrüstung wie eben ein Seil jährlich kontrollieren zu lassen, ist im privaten Gebrauch nicht verbreitet. Daher gilt es, sein Seil regelmäßig selbst zu kontrollieren.

Wie erkenne ich, dass ein Seil definitiv ausgedient hat?

Den wichtigsten Hinweis liefert der Mantel. Ein wenig pelzig und rau darf er schon werden, wenn der Mantel sichtbar aufgerieben ist oder gar der Seilkern zu sehen ist, ist es allerhöchste Zeit.

Ein anderer Hinweis darauf, dass mit dem Seil etwas nicht mehr stimmt, sind Deformierungen, wenn das Seil an einzelnen Stellen platt ist oder wenn es sich merklich versteift. Ungut sind auch Hitzeeinwirkungen, bei der es am Seil zu Schmelzerscheinungen kommt.

Bei kleineren Verletzungen des Seils an den Enden, kann man auch getrost mal ein Ende abschneiden und muss nicht gleich das ganze Seil entsorgen.

Und auch wenn das Seil für seinen ursprünglichen Nutzen ausgedient hat, gibt es noch genug kreative Möglichkeiten den Mülleimer zu umgehen. Zur Weiterverarbeitung spenden ist eine Idee oder so


Philippe, vielen Dank für das Gespräch.