Skitouren in Grönland


Mit schwarzen, „Eis-Meer“-tauglichen Zodiacs geht es vom Schiff Richtung Land.


„Grün-land“ – klingt so verlockend nach saftig, üppiger Vegetation. Nun ja, knapp daneben ist eben auch vorbei. Und bei minus 22 Grad und gleißender Sonne kommt allenfalls der kurze Sehnsuchtsgedanke nach der warmen Kaminstube. Oder aber: Vorfreude. Benita Klingler war im Frühjahr mit Mountain Elements in Grönland unterwegs, um per Schiff und Ski die Fjorde an der Westküste der größten Insel der Welt zu erkunden. Ein Bericht.

Ankunft im eisigen Nichts

Langsam neigt sich die Maschine aus Kopenhagen über einem weißen Wolkenmeer Richtung Kangerlussuaq, dem ehemaligen amerikanischen Militärstützpunkt und zentralen Flughafen von Grönland. Wolkenmeer? Hoppla, nein: Es ist Eis – unendliche Weiten davon, bis zu 3000m dick, von Spalten kunstvoll durchzogen. Kangerlussuaq, die Verkehrs-Drehscheibe Grönlands mit seinem kleinen, roten Terminalgebäude, knapp hinter der Eisgrenze, hat dann so gar nichts mit einem Dreh- und Angelkreuz nach unserem Verständnis zu tun. Überhaupt wirkt hier alles Menschliche klein und behelfsmäßig. Das Inlandeis hat uns eingestimmt, nur fehlt bei der Landung der erwartete meterhohe Schnee. Dafür ist es kalt, sehr kalt!

Manitsooq oder: die Überraschung

45 Flugminuten südlich stehen wir später auf der Miniatur-Landebahn von Manitsooq. Die kurzzeitig aufgekommenen Zweifel, ob man hier in Grönland wirklich Skitouren gehen kann, hat der Blick aus der Propeller-Maschine schnell beseitigt. Die sanft abfallenden Karstflächen an den Rändern des Inlandeises sind verschwunden, abgelöst von namenlosen Bergen, die jedes Ski- und Bergsteigerherz doppelt, nein, vier-mal so schnell schlagen lassen: steile Flanken, zerklüftete Hängegletscher, scharfe Grate... und Skihänge überall. Wir staunen Bau-, bzw. Bergklötze – das Thema mit dem Schneemangel hat sich auch erübrigt.

Leinen los!

In Manitsooq geht es auf unser Schiff, einen alten, frisch renovierten Dreimast-Schoner. Am Abend verlassen wir bei Sonnenuntergang und spiegelglatter See den kleinen Hafen und tauschen ab sofort Handy gegen Fernglas und Kamera. Die Frage nach dem Handynetz erledigt sich dann übrigens fünf Minuten außerhalb der Hafenmauern bis zu unserer Rückkehr – wir sind im „hier und jetzt“ angekommen. Es geht in Richtung der kleinen Insel „Hamborgerland“, hier wollen wir am nächsten Tag unsere erste Skitour gehen.


1. Unsere Unterkunft im Tal... 2. Überall blaues Eis. 3. Spuren auf jungfräulichen Hängen.

Skitourenland

Mit schwarzen, „Eis-Meer“-tauglichen Zodiacs geht es vom Schiff Richtung Land. Warm einpacken und festhalten lautet die Devise. Mögliche Anlandungsstellen werden täglich von einer Vorhut gecheckt, um einen Ort zu finden, an dem man über den oft meterhohen blau leuchtenden Eissockel an Land kommt. Eisbären verirren sich nur selten in diesen südlichen Teil der Westküste, sie ziehen das Packeis weiter im Norden vor – uns soll das ganz Recht sein.

Die Anstiege sind vielfältig, alles ist dabei! Wir werden durchschnittlich 1000hm am Tag machen, zum Höhenmeter-Powern ist man hier falsch. Unsere einzigen Hilfsmittel zur Tourenplanung sind Karten mit 70 000-Maßstab, Fernglas, das Zusammenspiel und die Erfahrungswerte der Guides und der Wetterbericht, auf den immerhin 24h Verlass ist! Mit der Zeit werden wir den Gipfeln Namen geben, schon allein für das Reisetagebuch, namenlose Berge sind nur halb so schön. Das Bewegen in diesem Gelände lässt einen mit allen Sinnen fühlen und spüren, wir sind hier zu Gast! Per Funk stehen wir am Berg in Verbindung, die Touren werden im Vorhinein abgesprochen - die Sicherheit steht im Vordergrund!

Und runter? Klar, unverspurt und, fast schon selbstverständlich, mit Meerblick der Extraklasse; von Pulver à la Kanada bis Bruchharsch – alles dabei! Im Vergleich zu ähnlichen Ski-Trips in Norwegen finden wir hier die totale Einsamkeit, Wildnis pur, keine Küstenstraßen, keine Häuser, keine Fähren – nur wir!

1. Einfach mal klein fühlen. 2. Die eigenen Aufstiegsspuren im Rücken, sonst nichts... 3. Und unten wartet wieder das Schiff.

Einfach mal weg

Und dazwischen? Am Nachmittag, wenn wir zurück an Bord sind, unsere Crew aktiv wird und sich aufmacht ein neues Ziel anzusteuern, dann ist Zeit für alle Facetten der Tiefenentspannung. Oder eben die Zeit für´s Deck, warm (!) eingepackt, bewaffnet mit wahlweise Kamera oder Fernglas schippern wir vorbei an Landschafts-Schauspielen, die uns hinter jeder Biegung des Fjords auf´s Neue zu begeisterten Kindern werden lassen.


Hin und wieder beißt die Kälte zu.
Hin und wieder beißt die Kälte zu.


Hier ein kalbender Gletscher, dort ein zerfurchter Serac, Hängegletscher, Eis-Rinnen, gigantische Felsformationen und die Vorstellung schier unendlicher alpinistischer Möglichkeiten vor Augen; wohlbemerkt: namenlos! – oder eben einfach nur der Eindruck gigantischer Stille, Kraft und Einsamkeit, der einem da im eisigen Wind entgegenbläst – atemberaubend schön!

Unser Schiff ist dabei der sichere Hafen, und sorgt für das Gefühl ein Abenteuer „im abgesicherten Modus“ zu erleben! Hier können wir uns ausruhen, wohlfühlen, Kraft tanken und neue Pläne schmieden. Fazit: Ich komme wieder!

Den Reisebericht in voller Länge und noch mehr Bilder gibt es hier.

Text und Fotos: Benita Klingler