Wandern im Montafon – von Tschagguns zum Lünersee

Es ist nicht der erste Versuch in diesem Jahr. Schon bei der Ankunft im Montafon empfangen uns wieder dicke Wolken, die etwas höher gelegenen Bereiche sind bereits verschneit und es beginnt in dem Moment zu regnen als wir in Tschagguns aus dem Zug aussteigen. Wir sehen uns an und beschließen - diesmal wird´s gemacht.
Bereits im Bergdorf Grabs angekommen, zeigen die ersten Wolken blaue Risse und Löcher und der Regen lässt nach. Ungefähr eine halbe Stunde später spitzt die Sonne durch, während der Wind den Rest erledigt, die Wolken werden in Fetzen gerissen und hängen bald nur noch in den Gipfeln. Bester Laune erreichen wir nach ca. einer Stunde den kleinen Tobelsee, und die ersten Schneefelder. Still, klar und kalt liegt er eingebettet in seiner Mulde. Die Scharte am hinteren Ende gibt den Blick auf die Drusenfluh mit den Drei Türmen frei, die, düster und frostig, ihre Zinnen in die Wolken gebohrt über der ganzen Szenerie wachen. Durch Schneematsch stapfen wir weiter zum Schwarzhornsattel. An den Hängen des Schwarzhorns wird es erstmals etwas mühsam, da der Schnee des halben Hanges auf den Weg gerutscht ist. An sich liegt noch nicht sehr viel aber hier brechen wir mit unseren Bergschuhen bei jedem Schritt oberschenkeltief in die zähe Masse ein.  Ist anstrengend, nervt ein bisserl, aber schon bald darauf erreichen wir  unser erstes Etappenziel, die Tilisunahütte. Lecker Montafoner Essen, ein Bier, ein Bett, ja, das ist schön! Am nächsten Tag wollen wir eigentlich über den Bilkengrat zur Lindauer Hütte absteigen, doch als wir den Hüttenwirt nach dem Zustand des Weges fragen rät er uns aufgrund des vielen Neuschnees die Schweizer Seite über Carschinahütte und Drusentor zu nehmen.
Am folgenden Morgen hat es vollständig aufgeklart, daher sind die Temperaturen  noch deutlich unter Null als wir in unseren zweiten Tag starten. Rucksäcke auf und los! Über die Tilisunafürkele betreten wir die wild zerklüftete Karrenlandschaft der Gruoben, die sich zwischen den mächtigen Wänden der Sulzfluh und der Weißplatte wie ein versteinerter Gletscher nach unten windet. Oberhalb des Partnunsees weitet sich das Tal, der Weg folgt den Schotterhängen unterhalb der Sulzfluh, wird schließlich ebener und führt durch ein ausgedehntes Moränengebiet zwischen riesigen Felsbrocken hindurch zur schon lange sichtbaren Carschinahütte. Nach einer kleinen Rast auf Schweizer Boden geht es weiter in Richtung Drusentor, dem imposanten Übergang zwischen der Sulzfluh und den Drei Türmen. Von nahem betrachtet sind die drei mächtigen Felsgestalten umgeben von  vielen kleineren Felszacken. Das Drusentor, ein schmaler Durchgang zwischen den Felsen, ist oberschenkeltief zugeschneit und ohne die wenigen Spuren wäre der Abstieg auf der schattigen Nordseite kaum zu erkennen. Wir tasten uns mit Hilfe unserer Teleskopstöcke durch den stetig dünner werdenden Schnee langsam nach unten, bis wir wieder auf dem guten, recht trockenen Weg zur Lindauer Hütte stehen, unserem nächsten Nachtlager vor der letzten Etappe.
Nach einer Hüttennacht wie man sie immer erleben möchte ( Brunftzeit, draußen röhren alle Hirsche dieser Welt, während im Lager alle Schnarcher dieser Welt Versammlung halten ), brechen wir am nächsten Morgen leicht gerädert auf. Ist aber immer noch kalt draußen, das macht wach. Wir steigen auf zum Öfapass. Die Sonne hat mittlerweile dem meisten Schnee den Garaus gemacht, heute läuft sich´s angenehmer. Nachdem der Pass überquert ist, passieren wir eine kleine Zollhütte und vor uns tut sich ein atemberaubendes Panorama auf. Zwischen den Felswänden der Drusenfluh und den Kirchlispitzen klafft eine riesige Lücke, die den Blick auf die Bergkette der Graubündner Alpen freigibt, das majestätische Schweizer Tor. Zeit,ein paar Eindrücke zu sammeln, bevor es über das Verajoch in Richtung Lünersee weitergeht, welcher sich heute von seiner strahlendsten und blausten Seite zeigt. Auf unserem Reststück entlang des Uferweges begleitet uns gegenüber die Schesaplana, mit 2965m der höchste Berg des Rätikon. Dunkel thront sie über der Totalpe, einem öden und zerklüfteten Karstplateau, das in einem Kesseltal zwischen Seekopf, Zirmenkopf, Schesaplana und den Totalpköpfen liegt. Der Blick zwischen den bleichen Felsen hinab auf den See wirkt dagegen schon fast mediterran. Das letzte Stück führt über den Staudamm zur Douglashütte, wo wir die letzte Nacht verbringen.
Eine wunderbare, abwechslungsreiche Tour geht zu Ende. Das Erlebte zieht nochmals langsam an uns vorbei, genau wie die Wolken, die sich immer dichter am Schesaplanagipfel sammeln.
Morgen soll es wieder schneien.
Fotos: André Tappe
[gallery ids="166,165,164,163,162,159,160,161"]